Sport : Jackie Joyner-Kersee: Mit 38 besser zu Hause aufgehoben

Stefan Liwocha

Nach dem Thriller lieferten Jackie Joyner-Kersee und Marion Jones ein Bild für die Ewigkeit. Die First Ladies der amerikanischen Leichtathletik umarmten sich innig an der Sandgrube und wechselten ein paar liebevolle Worte. Jones tröstete ihr großes Idol, das den Sprung nach Sydney um 21 Zentimeter verpasst hatte. Joyner-Kersee wiederum wünschte Jones viel Glück für einen olympischen Gold-Fünfer. Gleichzeitig symbolisierte der emotionale Akt vor 23 100 Augenzeugen im Hornet Stadium auch die offizielle Wachablösung. Die als beste US-Athletin des 20. Jahrhunderts ausgezeichnete Joyner-Kersee machte die Bühne nach einem Zwei-Tages-Comeback endgültig frei für ihre Nachfolgerin, die im 21. Jahrhundert zur Unsterblichkeit laufen und springen will. "Jetzt gehe ich wieder nach Hause, wo ich wohl mit 38 Jahren besser aufgehoben bin", scherzte Joyner-Kersee.

Der Vorhang fiel am Sonntag bei den US-Trials im kalifornischen Sacramento nach einem dramtischen Weitsprung-Finale, in dem die prominente Rückkehrerin tapfer mitmischte. Mit 6,67 Metern im dritten Durchgang qualifizierte sich Joyner-Kersee tatsächlich für den Enddurchgang, in dem sie allerdings nichts mehr zusetzen konnte. Nach zweijähriger Wettkampfpause fehlten der US-Rekordhalterin (7,49 Meter) sowohl Kraft als auch Schnelligkeit, um das kleine Wunder wahrzumachen. In ihrem sechsten und letzten Versuch lief die 38-Jährige durch die Sandgrube, weil sie "etwas Stechendes" im Bein spürte. "Natürlich hasse ich so einen Abgang", sagte Joyner-Kersee, "aber ich wollte das Stadion auf jeden Fall gehend verlassen." Sie winkte den applaudierenden Zuschauern ein letztes Mal zu.

"Jackie, was machst du da draußen", hatte die "Los Angeles Times" in Anspielung auf die großen Verdienste der mit sechs olympischen Medaillen (darunter drei Mal Gold) höchstdekorierten US-Athletin gefragt, die die Teilnahme an ihren fünften Olympischen Spielen als Sechstplatzierte verfehlte. "Marion, was machst du da draußen", dachten die Fans, als der olympische Traum vom fünffachen Gold im Sand zu versinken drohte. Nach zwei anfänglichen Fehlversuchen stand sie dicht vor dem Aus. "Als ich mich nach dem zweiten Sprung umdrehte und die rote Flagge sah, war ich in Sorge", erklärte Jones, "ich habe mir gesagt, okay, du hast noch einen Versuch und wenn du den nicht hinkriegst, ist dein großer Traum vorbei." Die 24-Jährige blickte hinüber in die Zuschauerränge, von wo aus sie Ehemann C.J. Hunter und Trainer Trevor Graham ("Ich habe ihr zugerufen, beim nächsten Versuch vor dem Balken abzuspringen") aufmunterten. Auch Joyner-Kersee redete Jones ins Gewissen, die daraufhin mit 6,75 Metern doch noch unter die besten Acht vorstieß.

Im fünften Versuch segelte der Superstar sogar auf 7,02 Meter. Dank der viertbesten Weite des Jahres gewann Jones vor Dawn Burrell (6,97 Meter) und Shana Williams (6,87 Meter), die sich ebenfalls für Sydney qualifizierten. Die Zitterpartie der Siegerin war aber zugleich bezeichnend für ihre instabilen Leistungen der vergangenen 18 Monate. Die konstante Sieben-Meter-Springerin, die 1998 ihre persönliche Bestweite von 7,31 Metern erzielte hatte, rutschte 1999 ab und erreichte im Mai mit 6,27 Metern in Osaka (Japan) ihren Tiefpunkt.

Neben Joyner-Kersee und Jones gehörten die Sympathien der Fans einer weiteren Athletin. Marla Runyan erkämpfte sich über die 1500 Meter hinter Regina Jacobs (4:01.01) und Suzy Favour-Hamilton (4:01.81) in 4:06.44 Minuten das dritte Ticket für Sydney, obwohl sie fast blind ist. "Ich denke über meinen Sehfehler aber weniger nach als die Medien", sagte die 31-Jährige, die als "ganze normale Olympia-Teilnehmerin" akzeptiert werden will.

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