Sport : Jan Schlaudraff

Wie Aachens Nationalspieler in Gladbach spielte

Stefan Hermanns

Bei Spielen von Borussia Mönchengladbach gibt es ein kleines Ritual, das selbst die jüngsten Misserfolge überlebt hat. Nach dem Warmlaufen bleiben die Spieler kurz bei Borussias Präsident und seinem Vize an der Seitenlinie stehen und drücken ihnen die Hand, bevor sie den Platz verlassen. Die Gladbacher sind schon alle durch, als Jan Schlaudraff Richtung Kabine geht. Er begrüßt das Präsidium des Vereins, wie er es von früher kennt: per Handschlag. Ein höflicher Mensch.

Vom Gladbacher Publikum kann man das nicht behaupten. Es pfeift, wenn der Aachener Stürmer an den Ball kommt. Schlaudraff sollte es nicht persönlich nehmen. Es ist ja nicht seine Schuld, dass er nicht mehr das Trikot der Borussen trägt: Er wurde vor zwei Jahren mehr oder weniger wegkomplimentiert aus Mönchengladbach. Die Entscheidung, Schlaudraff für wenig Geld an die Aachener abzutreten, zählt zu den abstrusesten einer an abstrusen Entscheidungen nicht armen Personalpolitik der Borussen in der jüngeren Vergangenheit. Im Hinspiel in Aachen erzielte der Stürmer zwei Tore gegen seinen ehemaligen Klub. Diese Quote hätte er gestern locker übertreffen können.

Schlaudraff spielt in einem Dreiersturm, der ständig die Positionen wechselt: mal links, mal rechts, dann wieder in der Mitte, und bei Bedarf lässt er sich auch ins Mittelfeld zurückfallen. Schon nach zehn Sekunden kommt Schlaudraff zum ersten Mal an den Ball, bei ihm wissen die Kollegen ihn gut aufgehoben. Auch die Gladbacher begegnen dem Aachener mit Respekt. Nach 25 Minuten stürzen sich Bögelund und Polanski an der Seitenlinie zu zweit auf ihn und lassen dadurch Laurentiu Reghecampf ungedeckt, den Schlaudraff prompt anspielt. Kurz darauf kommt der Nationalspieler wieder an den Ball, er läuft zwei, drei Schritte unbehelligt durchs Mittelfeld, 20 Meter vor dem Tor schießt er mit seinem starken rechten Fuß. Der Ball, von Torhüter Kasey Keller noch leicht berührt, fliegt an die Latte. „Er hätte mir beinahe die Finger gebrochen“, sagt Keller.

Schlaudraff hat die individuelle Qualität, die gerade in engen Spielen den Unterschied macht. Kurz vor der Pause läuft er aus der Tiefe des Raumes los, nimmt Geschwindigkeit auf, umspielt Bögelund und umdribbelt Gohouri. Aus spitzem Winkel schießt er Richtung Tor, diesmal mit links. Der Ball fliegt knapp am zweiten Pfosten vorbei. Drei Minuten später spielt er einen beinahe tödlichen Pass – in den eigenen Strafraum. Gohouri spitzelt den Ball mit einem Hechtsprung Richtung Tor, Torhüter Straub klärt.

In der zweiten Hälfte gelingt es den Gladbachern besser, die Aachener weit von ihrem Tor wegzuhalten. Schlaudraff spielt nun sehr tief. Er klärt am eigenen Strafraum, nicht per Grätsche, sondern indem er Borussias Angreifern den Ball vom Fuß dribbelt. Vorne hat er fünf Minuten vor Schluss noch eine gute Aktion. Gohouri tritt am Ball vorbei, Schlaudraff läuft allein auf Keller zu, scheitert aber an Borussias Torhüter. Als das Spiel zu Ende ist, schleicht er mit hängendem Kopf durchs Mittelfeld. Es ist nicht ganz klar, ob es Erschöpfung ist oder Enttäuschung.

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