Sport : Jeder Flug ein Tor

Der ärgerliche Abend des Timo Hildebrand

André Görke

Nürnberg - Die Zuschauer auf der Tribüne haben schon so ein Gefühl. „Timo, Timo!“, rufen sie. Timo Hildebrand steht da unten auf dem Rasen, spuckt in die Hände, geht noch einmal in die Knie und schaut auf den Ball, der da 20 Meter vor ihm liegt. Freistoß für Argentinien, es ist die 32. Minute und die erste sich anbahnende Tat des deutschen Torhüters. „Timo, Timo!“, rufen also die Fans. Dann läuft der Argentinier Juan Riquelme an, hebt den Ball scharf über die Mauer, Hildebrand fliegt – vergebens. Ausgleich, 1:1. Timo Hildebrand spuckt wütend in die Hände.

Den Ärger muss man verstehen. Wann soll sich der 26-Jährige schon beweisen im Tor der Nationalmannschaft, wenn nicht an diesem Abend im Frankenstadion? Zwei Länderspiele hatte er bis dahin bestritten. Beim ersten durfte er zur Halbzeit gegen Rumänien ran; leider lag Deutschland schon 0:4 zurück. Das zweite lief besser, 5:1 gewannen die Deutschen; leider hieß diesmal der Gegner Thailand, der kaum auf das Tor von Timo Hildebrand schoss. Das letzte Vorrundenspiel gegen Argentinien, das konnte sein Spiel werden.

Eigentlich passt Timo Hildebrand perfekt in die neue deutsche Nationalmannschaft. Er ist 26 Jahre alt und somit nur unwesentlich älter als seine Vorderleute. Hildebrand ist die Zukunft und anders als Oliver Kahn und Jens Lehmann, die in Nürnberg geschont wurden. Timo Hildebrand ist fast zehn Jahre jünger, wiegt zehn Kilo weniger als die beiden und ist mit 1,85 Metern auch der kleinste Torhüter im Team. Er wird so ein großes Länderspiel so schnell nicht wieder erleben. Im Halbfinale steht Jens Lehmann im Tor, im Spiel danach Oliver Kahn. Ein Erfolgserlebnis wäre schön – und das genießt Timo Hildebrand nur acht Minuten nach Wiederanpfiff. Gerald Asamoah, Schuss, Tor. 2:1 für Deutschland. Timo Hildebrand rennt los, hebt jubelnd die Hände und schießt damit wie ein Cowboy in die Luft.

Als die Fans wieder „Timo, Timo“ rufen, obwohl der nichts zu tun hat, schlägt ein wuchtiger Schuss des Argentiniers Esteban Cambiasso ein. Unhaltbar. Schon wieder. Genau so ging es Oliver Kahn beim 4:3 gegen Australien. Fast jeder Schuss ein Treffer. Bei keinem eine Chance, an den Ball zu kommen. Timo Hildebrand steht neben dem Pfosten und hebt ratlos die Schultern.

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