Jenny Wolf : Ein bisschen zu cool

Eisschnellläuferin Jenny Wolf war sicher, dass sie über 500 Meter Gold gewinnen würde. Entsprechend lässig ging die Berlinerin ins Rennen – und starrte anschließend fassungslos auf ihre Silbermedaille.

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Vancouver 2010 - Eisschnelllauf Foto: dpa
Wirklich Zweite? Jenny Wolf muss nach dem Zieleinlauf ganz genau auf die Anzeigetafel schauen. -Foto: dpa

Zumindest an diesen einen schönen Moment wird sich Jenny Wolf erinnern können, wenn sie an den 16. Februar 2010 im olympischen Eisoval von Richmond zurückdenkt. Es war der Augenblick, als sie in der Umkleidekabine mit der Nordkoreanerin Ko Hyon-Suk zusammentraf. Direkter Kontakt zu Menschen aus dem abgeschotteten Land ist auch im Eisschnelllauf extrem selten – und Jenny Wolf und Ko Hyon-Suk haben am Dienstag sogar kurz gemeinsam gelacht. Weil die Nordkoreanerin eine Frau bei sich hatte, die zwei Parteiabzeichen am Revers trug. Wolf sah genauer hin und identifizierte auf den Abzeichen zwei Präsidenten: „Der aktuelle – und dann noch der ewig Lebende.“

So fand sogar der 1994 verstorbene Kim Il-Sung irgendwie Einzug in den Wettkampf, bei dem jeder mit einer Goldmedaille für Jenny Wolf gerechnet hatte. Doch die gewann am Ende Silber, nur Silber. Ein Edelmetall für 500 Meter Eisschnelllaufen, von dem sich Jenny Wolf nie hätte vorstellen können, dass es in Vancouver um ihren Hals hängen würde. „Ich müsste schon eine Menge falsch machen, um nicht Gold zu holen“, hatte sie im November gesagt.

Und selbst nachdem sie tatsächlich einiges falsch gemacht hatte und Gold an die um 0,05 Sekunden schnellere Südkoreanerin Lee Sang-Hwa gegangen war, konnte sie das Ergebnis kaum glauben. „Ich war fest überzeugt, dass das mein Tag wird“, sagte die 31-Jährige, als sie im Deutschen Haus in Vancouver saß. Ziemlich aufgeräumt wirkte sie da schon wieder – aber wie viel davon Fassade war, weiß man bei Jenny Wolf nie so genau.

Es gab aber auch eine Menge, was Wolf nicht vorhersehen konnte. Zum Beispiel, dass sie im Wettkampf als Weltrekordhalterin (37,00 Sekunden) im ersten Durchgang 38,31 Sekunden brauchen würde. „Ich hätte nie gedacht, dass es einmal so weit kommen würde“, sagte sie. Oder warum Lee Sang-Hwa im zweiten Durchgang, als Wolf sehr gut lief, doch dagegenhalten konnte. „Das war nicht zu erwarten“, murmelte die Berlinerin.

Und was passiert jetzt? Sie ist 31 Jahre alt, die nächsten Olympischen Winterspiele in Sotschi sind sehr weit weg. „Als ich nach dem Rennen bei der Pressekonferenz saß, habe ich überlegt, ob ich mir das weitere vier Jahre antun will. Und da war ich eigentlich fest entschlossen, noch einmal anzugreifen“, erzählte die Frau, die ein Soziologie- und Literaturstudium abgeschlossen hat und nun Projektmarketing studiert. Doch in den Stunden nach ihrem Pressetermin schmolz ihr ehemals fester Entschluss wie Eis in der Sonne – und am Abend meinte Jenny Wolf zum Thema sportliche Zukunft: „Da muss man mal sehen. Ich kann noch nichts sagen.“

Möglicherweise habe sie ja psychische Probleme gehabt, sagte sie. Möglicherweise habe sie der selbst gemachte Druck doch mehr belastet, als sie gedacht habe. Die Biathletin Magdalena Neuner, die fast gleichzeitig nicht Silber, sondern Gold gewann, hatte professionelle Hilfe in Anspruch genommen, um ihre mentale Blockade am Schießstand zu überwinden. Wolf will davon aber nichts wissen, auch wenn der Druck vorher immens gewesen sein muss: „Da hätte mir ein Mentaltrainer auch nicht geholfen.“

Der Übermut hatte sie in den Stunden vor dem Start offensichtlich gepackt. Wie im November, beim legendären Interview. „Ich dachte mir: Dann hau mal einen raus und zeig allen, wie es geht.“ Dem latenten Hochmut folgte der Fall von Gold zu Silber. Die 20-jährige Lee Sang-Hwa hatte ihrer elf Jahre älteren Konkurrentin gezeigt, wie es geht. Das musste auch die Besiegte eingestehen: „Lee schert sich um überhaupt nichts, sie läuft einfach.“ An diesem Tag war sie die psychisch Stärkere.

Einfach nur so laufen möchte Jenny Wolf in Vancouver auch einmal. Heute, wenn sie über 1000 Meter startet. Eine Strecke, die sie nicht sonderlich mag. „Ich will es einfach nur genießen“, sagt sie. Wenn das klappt, dann hat sie immerhin schon zwei schöne Olympia-Erlebnisse, an die sie sich später erinnern kann.

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