Sport : „Jetzt ist alles wieder Mist“

Herthas Trainer Karsten Heine über die Stimmung in Berlin und seine Arbeit mit jungen und älteren Spielern

-

Herr Heine, hat es Sie überrascht, wie schnell nach der Niederlage gegen Dortmund die Stimmung rund um Hertha BSC wieder gekippt ist?

Das ist in Berlin halt so. Überrascht hat mich eher die Vehemenz: dass es gleich so ins Negative geht und jetzt doch alles wieder Mist ist. Ich war mit der Arbeit der Mannschaft zufrieden – außer mit dem Spiel. Im Training haben die Spieler so gearbeitet wie lange nicht: engagiert, fleißig, aktiv. Nur ist das gegen Dortmund in keiner Weise rübergekommen.

Waren Sie von Ihrer Mannschaft persönlich enttäuscht?

So wie die Mannschaft im Training zeigt, dass sie sich die Dinge gemeinsam erarbeiten will, kann ich gar nicht grundsätzlich von ihr enttäuscht sein. Ich war enttäuscht für uns alle.

Aber was sagt es über den Charakter der Spieler, wenn sie in den zwei Wochen unter Ihnen so arbeiten, wie sie es vorher lange nicht getan haben?

Es interessiert mich im Moment wenig, was vorher war. Ich habe mit Falko Götz sehr eng zusammengearbeitet – was die jungen Spieler betrifft. Aber ich habe sehr, sehr wenige Trainingseinheiten beobachtet. Ich habe auch in der Rückrunde kaum Spiele gesehen, weil wir mit der U 23 oft parallel gespielt haben.

Haben Sie sich nach Ihrem Amtsantritt mit Götz ausgetauscht?

Wir werden uns bald einmal zusammensetzen. Unser Verhältnis ist unbelastet. Ich habe nie an seinem Stuhl gesägt, das wäre mir im Traum nicht eingefallen. Eins darf dir als Trainer nicht passieren: dass die Mannschaft den Respekt vor dir verliert. Das tut sie, wenn sie spürt, dass du deine Entscheidungen nicht selbstständig triffst. Bei Falko kann ich mir das nicht vorstellen.

Es heißt aber, dass Dieter Hoeneß Anordnungen des Trainers gekippt hat.

Ich kann nicht glauben, was alles erzählt wird. Es gab bisher keine einzige Situation, in der ich nicht alleine entscheiden konnte. Ich begreife auch nicht, warum sich dieser Hass gegen Dieter Hoeneß so entfacht hat. In den Neunzigerjahren wäre ich froh gewesen, wenn wir bei Hertha eine solche Fachkompetenz gehabt hätten wie jetzt, mit Dieter Hoeneß oder Michael Preetz. Es ist einfach sehr wohltuend, sich mit diesen Leuten auszutauschen. Die sind ja selbst Fußballer gewesen, die noch dazu ein bisschen Geschichte geschrieben haben.

Beide waren Stürmer – wie Sie.

Das wollen wir jetzt mal lieber nicht vergleichen. Kopfballtore habe ich vielleicht eins oder zwei in meinem Leben gemacht. Ich war mehr der Vorbereiter, derjenige, der für Spieler wie Hoeneß oder Preetz aufgelegt hat.

Jetzt ist es umgekehrt: Ihre Zukunft als Cheftrainer hängt von Dieter Hoeneß ab.

Sie können mir das jetzt abnehmen oder nicht: Das beschäftigt mich im Moment wirklich nicht. Ich habe bei der U 23 einen tollen Job. Ach was, ich habe hier eine Berufung! Und wenn ich sehe, wie viele Spieler aus dem Profikader wir bei der U 23 mitentwickelt haben – da fühle ich mich in meiner Arbeit schon sehr befriedigt. In der Bundesliga muss man sich wahrscheinlich mehr an Ergebnissen messen lassen. Ich finde zum Beispiel die Auszeichnung zum Trainer des Jahres hoch interessant. Das werden immer die, die einen Titel geholt haben. Wissen Sie, wer für mich einer der außergewöhnlichsten Trainer überhaupt ist? Gerd Schädlich. Was der in Aue leistet, wie er diesem Städtchen den Zweitligafußball erhält, und das seit Jahren – das ist sensationell.

Auch wenn es Sie nicht beschäftigt: Sie werden doch ein Gefühl haben, was Sie ab dem 1. Juli machen.

Die Frage wäre einfacher zu beantworten gewesen, wenn wir gegen Dortmund gewonnen hätten.

Wenn Sie jetzt in Aachen gewinnen, würde eine Niederlage zu Hause gegen Bremen …

… sehr schmerzen.

Aber an der grundsätzlich positiven Einstellung zu Ihrer Person vermutlich nichts ändern.

Die Frage ist doch: Welches Vertrauen haben die zuständigen Gremien in mich? Wenn mir heute gesagt wird: Pass auf, wir machen mit Mister X weiter, mindert das nicht meinen Einsatz in den Spielen, die noch ausstehen. Das ist mein Anspruch, dass ich mich dann nicht hängen lasse.

So wie 1991, als Sie zum ersten Mal Cheftrainer bei Hertha waren?

Sie meinen meine Reiseleitertätigkeit? Das war ein Riesenerlebnis für mich. Wir waren schon abgestiegen, der Trainer für die neue Saison stand bereits fest, und ich durfte die letzten drei Spiele machen. Immerhin habe ich noch einen Sieg eingefahren. Das ist doch okay, oder?

Und seitdem wollen Sie zurück in die Bundesliga?

Ich hatte nicht den unbedingten Drang, wieder zurückzukehren. Aber ich habe auch keine Sekunde überlegt, als Dieter Hoeneß mich gefragt hat.

Was reizt Sie an der Bundesliga?

Ich finde es spannend, mit Spielern zusammenzuarbeiten, die international spielen. Da lernt man ja doch andere Sichtweisen auf den Fußball kennen. Diese verschiedenen Ansichten alle auf eine Linie zu bringen – das ist reizvoll.

Es ist also schöner als in der Regionalliga?

Es ist eine andere Arbeit. Die U 23 ist eine reine Ausbildungsmannschaft. Da habe ich manchmal Aufstellungen gemacht – so würdest du eine Kampfmannschaft, bei der vor allem das Ergebnis zählt, niemals aufstellen. Ich mag die Arbeit mit dem Fußball. Es ist der schönste Beruf – wenn die Spiele am Wochenende nicht wären. Aber ich will mich nicht beschweren. Ein alter Schulkumpel von mir arbeitet als Lokschlosser. Wenn ich sehe, wie der knüppeln muss. Also, Halleluja, da bin ich aber gut dabei.

Inwiefern sind Sie in die Planung für die neue Saison eingebunden?

Bisher überhaupt nicht. Über die neue Saison haben wir noch nicht gesprochen.

Wissen Sie, ob ohne Sie geplant wird?

Nein. Mich interessiert im Moment nur, dass wir die Klasse halten, je schneller desto besser. Das ist meine Aufgabe. Und das ist vielleicht der größte Unterschied zu meiner Tätigkeit zuvor. Da war ich auch rund um die Uhr für den Fußball tätig. Aber jetzt ist es doch intensiver.

Glauben Sie, dass der Kader einen größeren Schnitt braucht?

Zwei, drei Verstärkungen kann die Mannschaft sicherlich gebrauchen. Ich glaube aber auch, dass wir Spieler in den Reihen haben, die mehr aus ihrem Leistungsvermögen machen können.

Wo liegen die Defizite der Mannschaft?

Man sollte das nicht individuell sehen. Wir sind mit kreativen Spielern recht ordentlich besetzt. Aber ich glaube, dass wir in der gesamten Gestaltung unseres Spiels aktiver auftreten müssen. Die Defizite liegen zum Beispiel im Spielaufbau. Wir treten noch nicht als geordnete Einheit auf. Jeder muss sich für die Offensive und für die Defensive verantwortlich fühlen. Es gibt ja auf der Welt kaum noch einen Spieler, der sich aus irgendetwas raushalten darf. Vielleicht einen oder zwei.

Sollte Hertha im Lotto gewinnen – für welche Position würden Sie einen Spieler holen?

Das wüsste ich schon, sage ich Ihnen aber nicht.

Einen Torhüter?

Ich wusste, dass das jetzt kommt. Aber das war nicht mein Gedanke.

Das Gespräch führten Sven Goldmann, Stefan Hermanns und Michael Rosentritt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar