Sport : Jetzt rollt’s

Dank Bastian Schweinsteiger, Michael Ballack und einer neuen Taktik gelingt Deutschland die bislang größte Überraschung der EM: Nach dem 3:2 gegen den Favoriten Portugal steht das Team im Halbfinale

Sven Goldmann[Basel]

Was für ein Comeback! Der deutsche Fußball lebt, und es geht ihm so gut, wie es noch gestern niemand hatte wahrhaben wollen. 3:2 (2:1) besiegte der schon gestrauchelt geglaubte Favorit das eben nur scheinbar unschlagbare Portugal und schaffte damit die bislang größte Überraschung bei der Europameisterschaft in den Alpen. Zwei kluge Köpfe steckten hinter dem Coup von Basel. Michael Ballack und Bastian Schweinsteiger spielten so großartig auf wie lange nicht mehr in der deutschen Nationalmannschaft. Beide erzielten je ein Tor, für das dritte zeichnete Miroslav Klose verantwortlich. 39 374 Zuschauer im St.-Jakob-Park, in ihrer überwiegenden Mehrheit den Deutschen zugewandt, feierten eine rauschende Fußballnacht. Im Halbfinale geht es nun am Mittwoch ebenfalls in Basel gegen den Sieger der Partie Türkei – Kroatien.

Schweinsteiger und Ballack setzten auf dem Rasen von St. Jakob um, was ihr Chefstratege zuvor ausgeheckt hatte. Der Sieg über Portugal war, bei aller individuellen Klasse der beiden guten Offensivgeister, vor allem ein Erfolg der Taktik. Ausgerechnet in dem Spiel, das Joachim Löw wegen seiner Sperre nach dem Österreich- Spiel nur aus einer Loge mit ansehen durfte, entfaltete der Bundestrainer das taktische Geschick, das ihm zuletzt schon abgesprochen worden war. Mit einer radikal umstrukturierten Aufstellung ließ Löw die Portugiesen ins Leere laufen. Schweinsteiger spielte zum ersten Mal von Beginn an, Klose lief als einzige Spitze auf, und im Mittelfeld sicherten Rolfes und Hitzlsperger für den verletzten Frings in der Defensive ab, auch dies eine Premiere. Welcher andere Trainer hätte in einem so wichtigen Spiel schon so viel Mut zur Veränderung gezeigt?

Der Erfolg dieser defensiven, aber immer noch konstruktiven Ausrichtung spricht für sich. Und für Löw. Die Portugiesen, vergeblich auf Raum für ihr anspruchsvolles Spiel hoffend, liefen ins Leere, in die ihnen gestellte Falle. So abwartend und distanziert wie gestern hat man sie in den Alpen noch nicht gesehen. Das portugiesische Spiel basierte auf der Selbstsicherheit, die individuelle Klasse ihrer grandiosen Einzelkönner werde früher oder später zum Erfolg führen. Den Deutschen ermöglichte der zaghafte Beginn die nach den zuletzt so bescheidenen Auftritten dringend benötigte Phase zur Selbstfindung.

Dass sie im nächsten Schritt so weit gehen würden, dem EM-Favoriten ihr eigenes Spiel aufzudrücken – damit hatten die Portugiesen gewiss nicht gerechnet.

Die Selbstfindungsphase war nach gut 20 Minuten abgeschlossen, Bastian Schweinsteiger krönte sie mit dem Führungstor. Vorausgegangen war eine Kombination, wie sie dem radikal erneuerten deutschen Team kaum zugetraut worden war. Ballack spielte auf der linken Seite einen doppelten Doppelpass mit Podolski, der passte in die Mitte auf Schweinsteiger, dem Pepe und Bosingwa vergeblich hinterher rannten. Scharf und platziert vollendete der Münchner zur Führung und feierte das laut brüllend und wild gestikulierend an der Seitenlinie. Viel von der Wut und Enttäuschung nach dem dummen Platzverweis gegen Kroatien ließ sich auf diese Weise abbauen.

Auch bei Löw entlud sich die Anspannung, als er in seiner Loge dem deutschen Chefscout Urs Siegenthaler in die Arme sprang. Dosiert, aber doch immer wieder, zogen Ballack und Schweinsteiger das Tempo an. Der eine als Verteiler, der andere als kaum zu bremsender Dribbler und Antreiber. Auch beim 2:0 hatte Schweinsteiger den Fuß im Spiel. Sein Freistoß segelte auf den Kopf von Klose, den die auf Abseits spielenden Portugiesen völlig aus den Augen verloren hatten. Aus fünf Metern stieß der Münchner den Ball zum ersten EM-Tor seiner Karriere vorbei am überraschten Ricardo.

Siegessicher stimmten die deutschen Fans schon die Nationalhymne an. Doch kurz vor der Pause, als die Portugiesen zum ersten Mal so etwas wie Resignation zeigten, leistete sich Podolski auf der linken Seite einen verheerenden Stellungsfehler. Cristiano Ronaldo, bis dahin kaum zu sehen, scheiterte nach dem folgenden weiten Pass aus spitzem Winkel an Lehmann, aber den abprallenden Ball schob Nuno Gomes gedankenschnell zum Anschlusstor über die Linie.

Die Portugiesen wähnten sich wieder im Spiel. Doch die Deutschen widerstanden der Versuchung, auf Ergebnissicherung umzustellen. Das hätte gegen eine technisch so starke Mannschaft wie Portugal gut und gerne in einem Debakel enden können. Also ließen sie dem Gegner gerade so viel Raum wie unbedingt nötig. Portugal wurde stärker, gewann aber keine drückende Überlegenheit.

Dafür setzten die Deutschen den entscheidenden Stoß. Schweinsteiger zirkelte einen Freistoß direkt auf den Kopf von Ballack. Portugals Torhüter Ricardo sah wieder mal ganz schlecht aus, verharrte in seinem Tor und schaute dem deutschen Kapitän – der allerdings Paulo Ferreira zuvor geschubst hatte – ehrfurchtsvoll beim erfolgreichen Kopfball zu. 3:1 nach exakt einer Stunde, das war die Entscheidung. Auch Portugals erneuter Anschluss, erzielt von Postiga drei Minuten vor Schluss, brachte die Deutschen nicht mehr aus dem Konzept. Joachim Löw zündete sich in der Loge eine Zigarette an, doch er konnte ruhig bleiben. Nach vierminütiger Nachspielzeit rissen seine Spieler die Arme hoch zum Jubel.

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