Sport : Judo: Mehr Vertrauen als Schlüssel zum Erfolg

Hartmut Moheit

In Saint-Pierre-sûr-Mère in Frankreich lebt ein Mann, der in den zurückliegenden Wochen mehr Anrufe als sonst aus Deutschland bekommen hat: Heinrich Metzler, 70 Jahre alt, ehemaliger Judo-Bundestrainer. Derjenige, der seine Nummer des Öfteren wählt, ist Frank Wieneke. Dann geht es meist nicht unter einer Stunde ab. Wie zum Beispiel am letzten Tag des alten Jahres, als der einstige Meisterschüler nach der Olympiapleite der deutschen Judokas die Verantwortung als Bundestrainer der Männer übernommen hatte. Heiner, wie sie ihn alle nennen, war glücklich. "Kein Wunder, schließlich hat er mir damals empfohlen, die Trainer-Akademie zu besuchen", sagte Wieneke. Seinen größten Erfolg hatte er 1984 gefeiert, als er sich in Los Angeles die Goldmedaille abholen durfte. Vier Jahre später wurde der Kölner in Seoul noch einmal Zweiter, dazu gewann er bis 1989 noch drei EM-Medaillen. Seine Karriere weist aber auch Tiefpunkte auf. In diesen Momenten stand Metzler stets zu ihm. Wieneke erzählt von einem Turnier, bei dem er völlig enttäuschend ausschied. Alle wähnten ihn am Boden, "aber beim nächsten Turnier war schon wieder ganz vorn dabei. Keiner wusste, warum das so war. Ich schon." Metzlers psychologische Unterstützung hatte gewirkt.

Seitdem ist Vertrauen für Frank Wieneke der Schlüssel zum Erfolg. Mit dieser Grundeinstellung geht er seinen neuen Job als Bundestrainer an. Ohne konkrete Ziele geht auch unter seiner Regie nichts, aber der Neuaufbau einer Nationalmannschaft sei mit Hauruck-Aktionen nicht zu bewältigen. So forderte Wieneke vor dem World Masters an diesem Wochenende in München: "Ein Platz unter den ersten drei ist das Mindestziel." Wienekes Worte kommen an. Bei der Generalprobe für die Ende Juli ebenfalls in der Münchner Rudi-Sedlmayer-Halle stattfindenden Weltmeisterschaften war gestern schon so etwas wie Aufbruchstimmung zu spüren.

Und doch gibt Frank Wieneke sich zurückhaltend. "Ich habe keinen Grund, meinen Vorgänger Dietmar Hötger zu kritisieren", sagt der 39-Jährige, und er ist dabei derart freundlich, wie er es früher, als Kämpfer, nicht war. Wieneke hat aus seinen Fehlern gelernt, zum Beispiel, "dass ich nicht mehr jeden Gedanken öffentlich äußere". Wieneke schwieg auch, als man ihm unterstellte, er habe Judo als "Schweinesport" bezeichnet und seine Gegner "nicht als Menschen sondern Geräte" angesehen. Darüber wurde getuschelt, Beweise gab es nicht.

Natürlich weiß auch der neue Bundestrainer, dass im Judo nur bestehen kann, wer ein gewisses Maß an Härte mitbringt. "Judokas sind Autodidakten", sagt Wieneke, "da habe ich eine Steuerungsfunktion". Kraft, Ausdauer, Technik, Taktik, Judospezifik, das alles muss nach seiner Auffassung nicht unbedingt in Japan trainiert werden, wie es über Jahre hinweg von den Deutschen praktiziert wurde. Damals, bei Heiner Metzler, war ein Japan-Trip noch etwas Besonderes. Und so soll es wieder sein.

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