Sport : Junge Alte, alte Junge

Bei Sportlern stimmen die gefühlten Lebensjahre selten mit den biologischen überein

Helmut Schümann

Berlin - Jetzt will es auch Axel Schulz noch einmal wissen. Der Mann wird im November 37 Jahre alt, und im Dezember will er sich in irgendeinem Boxring um irgendeinen unbedeutenden Titel schlagen. Ähnlich, wenn auch auf höherem Niveau, hat das George Foreman vorgemacht, der 1994 noch einmal Weltmeister im Schwergewicht wurde, nach 20 Jahren Wettkampfpause und im Alter von 45. Mark Spitz, der Schwimmer, wollte sich an der Schwelle zum Alter auch noch einmal die eigene Spannkraft beweisen, als er sich 1992 um die Olympiateilnahme bemühte. Das hat aber nicht geklappt. Sport macht eben alt, Sport macht sehr früh schon alt. Und dann hat es fast immer etwas Lächerliches, wenn Herrschaften im gesellschaftlich besten Alter sich sportlich an der Jugend versuchen. Das wirkt sehr schnell wie das ergraute Väterchen, das auf der Harley donnernd durch die Stadt protzt.

Es gibt Ausnahmen. Wie die Kanutin Birgit Fischer, die jetzt 44 ist, vor zwei Jahren bei Olympia in Athen Gold und Silber gewann, und dergleichen aussichtsreich 2008 in Peking wiederholen möchte. „Ja, ja“, sagt sie, „ich bin die Ausnahme, aber das müsste so nicht sein, viele Athleten könnten ihre Laufbahn verlängern.“ Ist das so? Sport hält fit, keine Frage, aber lässt sich die Leistungsfähigkeit der frühen Jahre wirklich dauerhaft konservieren. „Ich gebe zu“, sagt Fischer, „es gibt Tage, an denen fühle ich mich wie 50. Die gab es aber auch schon, als ich noch 20 war.“

Das gefühlte Alter. Wohl nirgendwo sonst eilt das gefühlte Alter dem biologischen derart geschwind davon. Das hat natürlich mit der Beanspruchung zu tun. Das tägliche Ausreizen und Überschreiten der Leistungsgrenze fordert seinen Tribut. Der frühere Fußball-Nationaltorwart Harald Schumacher, heute 52, berichtet, dass er sich schon mit Anfang 40 gefühlt habe wie weit über 60, wenn er in der Früh sich aus dem Bett quälen muss, alle Knochen und Bänder schmerzen, bis sie halbwegs in Gang und Geschmeidigkeit kommen.

Gewiss, auch solches Empfinden hat seine Ausnahme. Die stellt Claus Reitmaier her, Torwart wie Schumacher, der gerade in Norwegen beim Erstligisten Lilleström SK seine lange Laufbahn ausgleiten lässt. Er ist jetzt 42, sagt, dass er so lange noch spielen wolle, bis sein Körper ihn bittet aufzuhören. Der denkt noch nicht daran, „ich fühle mich wie 30“. Doch dürfte grundsätzlich für Leistungssportler gelten, was kürzlich Jens Lehmann (36), die Nummer eins im Tor der Nationalmannschaft, bekannte, „wenn ich mich im Spiegel sehe, sehe ich Falten und das Alter“. Es ist nur Zufall, dass die drei Beispiele aus dem Fußballtor stammen. Oder vielleicht auch nicht. Torhüter haben mangels Ventil in besonderem Maße unter öffentlichem Druck und öffentlicher Erwartung zu leiden. Und damit hat die Höhe des gefühlten Alters bei Sportlern neben der körperlichen Belastung eben auch sehr viel zu tun.

Sie haben selten Einfluss darauf, die Sportler, doch werden sie nach ein paar herausragenden Leistungen flugs in eine Erwachsenenwelt gehievt, in der sie altersmäßig nichts zu suchen haben. Bei den Olympischen Spielen wurde die damals 14-jährige Franziska van Almsick wohl als niedlicher Fratz und süße Göre gehandelt, aber dann auch nach ihren Gefühlen zur deutschen Einheit befragt. Und nach denen, die sie überkämen, wenn sie die Hymne höre. Als altersadäquate Antwort wäre möglicherweise denkbar gewesen, dass sie doch mehr auf Brit-Pop stehe, aber darf eine sportliche Vertreterin einer Nation altersadäquat antworten?

Im gleichen Jahr war Boris Becker schon lange nicht mehr der semmelblonde 17-jährige Leimener, tatsächlich war er schon 25. Oder erst 25, auf jeden Fall zu jung, um die Welt mit der Altersweisheit des Dalai Lama zu erklären. Viel weniger indes wurde nicht von ihm erwartet. Dass sowohl Becker als auch van Almsick später erzählten, dass sie schon so viel erlebt hätten, dass es für zwei, drei Leben reiche, und van Almsick einer nie erlebten Jugend hinterhertrauerte, passt ins Bild von den früh vergreisten Sportlern in jugendlichen Körpern.

Die gängige Sprache des Sportjournalismus sorgt zusätzlich zur Verwirrung zwischen biologischen und gefühltem Alter. In beide Richtungen. Mehmet Scholl, der Fußballer, wurde fast zwei Jahrzehnte das Attribut „talentiert“ zugeschrieben – bis er erst jetzt, am Ende seiner Karriere, ins Routinefach wechseln durfte. Oder die kleine Franzi. Vor den Olympischen Spielen von Sydney, die waren im Jahr 2000, wurde sie als „große, alte Dame des Schwimmsports“ gefeiert, sie war gerade mal 22, (nach den Spielen wurde sie nicht mehr gefeiert, aber das hatte mehr mit angeblichen Gewichtsproblemen zu tun, mit denen haben ja ältere Menschen immer mal wieder zu kämpfen). Gerne auch wird den Sportlern attestiert, dass sie gerade ihren zweiten, dritten Frühling erlebten. Der Fußballprofi Jens Nowotny erfährt das soeben, wiewohl erst 32. Aus dem Trainingslager der Nationalmannschaft heraus klagte er bereits, dass er sicher nicht als „altersweiser WM-Tourist“ durchgehen wolle. Ohne Erfolg, die Vaterrolle für die jüngeren Kollegen wird er nicht mehr los, der alte Mann und die Abwehr wird das wenig schmeichelhafte Klischee sein, das mit ihm bedient wird.

Und dann, irgendwann, kommen die Sportler tatsächlich in die Jahre. Manche schaffen den Absprung nicht und wollen nicht lassen vom Ruhm und dem Scheinwerferlicht, mitunter kommt das Beharren auf die jugendliche Strahlkraft fast schon Altersstarrsinn gleich. Franz Beckenbauer zum Beispiel, der beste deutsche Fußballspieler, wurde am Ende auf diesem Wege beim Hamburger SV zum König des Eigentors. Selten geht es gut, wie bei der Kanutin Fischer. Manchmal ist die Verlängerung lebensgefährlich, wie beim Boxer Schulz. Denn am Ende ist es im Sport allerdings wie im richtigen Leben: Das gefühlte Alter ist bloß eine Täuschung.

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