Sport : Juves Finale

Acht Turiner könnten für Italien am Sonntag dabei sein – keiner weiß, wie es mit ihrem Klub weitergeht

Sven Goldmann[Duisburg]

Es sind schwere Tage für Juventus Turin. Der Staatsanwalt fordert im Manipulationsprozess gegen den italienischen Meister eine Strafversetzung in die dritte Liga, die Meistertitel der vergangenen zwei Jahre werden wohl aberkannt. Der neue Manager springt mit einem Rosenkranz in der Hand vom Dach des Klubhauses, Trainer Fabio Capello verabschiedet sich mit besten Empfehlungen zu Real Madrid. Juve wehrt sich mit den Mitteln des Mittellosen. Einen Abstieg in die zweite Liga würde das Präsidium akzeptieren, aber muss es denn wirklich die dritte Liga sein? Selten ist ein großer Klub so gedemütigt worden.

Es sind großartige Tage für Juventus Turin. Wenn am Sonntagabend in Berlin das Finale um die Fußball-Weltmeisterschaft angepfiffen wird, könnten acht Juve-Spieler auf dem Rasen des Olympiastadions stehen, sechs werden es auf jeden Fall sein: auf italienischer Seite Mauro Camoranesi, Fabio Cannavaro, Gianluca Zambrotta und Gianluigi Buffon, bei den Franzosen Lilian Thuram und Patrick Vieira. Der Italiener Alessandro Del Piero kämpft noch um seinen Platz, einzig der Franzose David Trezeguet wird den Abend wohl auf der Ersatzbank verbringen. Selten ist ein großer Klub so groß gewesen wie Juventus Turin in diesen finalen Tagen der WM in Deutschland.

„Das ist eine kleine Wiedergutmachung für das große Pech, das wir in den vergangenen Jahren in der Champions League hatten“, sagt Alessandro Del Piero. „Jeder weiß, was für eine schwere Zeit unser Klub gerade durchmacht. Ich freue mich für die Tifosi von Juve, sie haben endlich mal wieder einen Anlass zur Freunde.“ Del Piero würde wohl in der zweiten Liga bleiben, aber ob er sich auch die dritte Liga antut? Seine Kollegen Zambrotta und Cannavaro werden Trainer Capello wahrscheinlich nach Madrid folgen.

Wer denn der Favorit im Finale sei, will ein Reporter wissen. „Natürlich Frankreich“, sagt Del Piero. „Die Franzosen haben nicht den Stress, mit dem wir uns herumplagen. Sie können ganz unbelastet in das Spiel gehen.“ Doch auch die Franzosen im Dienst von Juventus wissen nicht, was die Zukunft für sie bringt. Der überragende Defensivstratege Patrick Vieira hat in Turin noch einen Vertrag bis 2009. Seine Familie ist erst einmal nach Hause in die Villa nach Cannes zurückgekehrt. „Ich muss abwarten, was der Prozess bringt“, sagt Vieira. „Ich erfahre auch nur aus dem Fernsehen, was gerade wieder passiert ist.“

Vieira wird nach der WM in der Nationalmannschaft weitermachen, für seinen verteidigenden Kollegen Lilian Thuram ist das Finale definitiv das letzte Länderspiel. „Ich weiß, wie schwer es am Sonntag wird, denn ich weiß aus jedem Training, wie gut unser Gegner ist“, sagt Lilian Thuram. Nach dem 1:0 im Halbfinale gegen Portugal ist er zum „Man of the Match“ gewählt worden. Der auf dem Platz so unangenehme Verteidiger erinnert im Zivilleben mit seiner schwarz umrahmten Brille an einen Hochschuldozenten. Seit fünf Jahren spielt er für Juve, vielleicht hört er bei einem Sieg am Sonntag ganz auf. Wer Thuram reden hört, glaubt nicht unbedingt, dass da ein Fußballspieler vor ihm steht. Parallel zu seiner Karriere engagiert sich Thuram im Integrationsrat der französischen Regierung. Als im vergangenen Jahr die Banlieus brannten, rief er den populistisch daher plappernden Innenminister Sarkozy in scharfem Ton zur Ordnung. Lilian Thuram ist 34 Jahre alt, er braucht den Fußball nicht zur Selbstbestätigung. Vielleicht hört er bei einem Finalsieg am Sonntag ganz auf.

So wie Zinedine Zidane. Frankreichs Jahrhundertspieler gibt in Berlin seine Abschiedsvorstellung. Künftig will er nur noch für die Prominentenmannschaft von Real Madrid spielen. „Ich freue mich für ihn, dass seine Karriere so einen schönen Abschluss findet, denn er ist ein großartiger Mensch und Fußballspieler“, sagt Alessandro Del Piero. Die Herren kennen sich aus fünf gemeinsamen Jahren in Turin. „Die Zeit mit Zidane gehört zu den Höhepunkten meiner Karriere“, sagt Del Piero. „Da kommen nur noch Roberto Baggio und Gianluca Vialli ran.“ Zidane spielte noch für Juve, als er Frankreich vor sechs Jahren zum Sieg über Italien im EM-Finale von Rotterdam führte. Das Golden Goal zum 2:1 in der Verlängerung schoss David Trezeguet.

Auch Alessandro Del Piero war in Rotterdam schon dabei, und die Erinnerung schmerzt ihn noch heute: „Ich glaube, ich habe unter dieser Niederlage so schwer gelitten wie kaum ein anderer.“ Es waren schwere Tage für Italien, so schwere Tage, dass Juventus Turin den 22 Jahre alten Trezeguet für 22 Millionen Euro vom AS Monaco auslöste.

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