Sport : Kahn trifft sein Schicksal

Zwei Jahre nach seinem Fehler im WM-Finale kehrt der Nationaltorwart nach Yokohama zurück

Moritz Müller-Wirth[Yokohama]

Genau zwölf Minuten hatte Oliver Kahn dagesessen, grimmig, in sich versunken, wie man ihn zu kennen glaubt. Er hatte den Worten von Bundestrainer Jürgen Klinsmann auf der ersten Pressekonferenz der deutschen Fußball-Nationalmannschaft während der Asienreise gelauscht. Doch dann flog eine Frage auf ihn zu wie ein strammer Distanzschuss: „Was werden Sie empfinden, wenn Sie in Yokohama auflaufen?“ Da richtete sich Torhüter auf, fixierte den randvollen Saal und sagte: „Das Spiel ist vielleicht gar nicht schlecht für mich, um das eine oder andere zu verarbeiten.“ Es war der erste Reflex, weitere sollten folgen.

Oliver Kahn ist zurück an einem schicksalsträchtigen Ort. In Yokohama beim WM-Finale vor zwei Jahren hatte er mit einem Fehlgriff die 0:2-Niederlage gegen Brasilien eingeleitet. „Ich erinnere mich nur noch an die positiven Eindrücke der WM und freue mich deshalb auf das Spiel gegen Japan“, sagte Kahn. Beim Länderspiel am Donnerstag wird Kahn zum 75. Mal das Nationaltrikot tragen.

Doch es ging noch um weitere Missgeschicke Kahns. Zum Beispiel das des vergangenen Wochenendes, als Kahn dem VfB Stuttgart durch einen Treffer des Nationalmannschaftskollegen Kuranyi die zwischenzeitliche 2:0-Führung in München ermöglicht hatte. Für kurze Zeit verfiel Kahn in die alte Rechtfertigungsrolle: „Zwei Fehler in 30 Spielen, das ist für mich eine großartige Bilanz.“ Doch dann wechselte der ehemalige Kapitän der Nationalelf von der erprobten Defensive in die zunächst noch kontrollierte Offensive – und gab in den folgenden 15 Minuten seine beste Vorstellung seit langem. „Ich kenne diese Schlagzeilen nun schon viele Jahre“, hob er an. Ein Journalist unterbrach ihn: Mit Franz Beckenbauers Vermutung, Torhüter in höherem Alter seien nicht mehr in jeder Form belastbar, habe die Kritik ja nun auch die eigenen Reihen erreicht. Das war das Stichwort. „Der Franz ist ein viel beschäftigter Mann“, erläuterte Kahn seelenruhig. „Ich weiß nicht, ob er das alles noch so beurteilen kann und wie viele Spiele er in dieser Saison gesehen hat.“ Man solle Beckenbauers Wort daher nicht auf die Goldwaage legen, empfahl Kahn.

Ob er eine Kampagne vermute, wollte jemand im Saal nun wissen. Kurz hielt Kahn inne, dann nahm er den Ball auf und leitete ihn ins Feld des zurzeit mächtigsten Gegners weiter, der ja auch Beckenbauers Meinung prominent transportiert: „Wenn ich da mal die Bild-Zeitung heranziehen darf: Hier wird mir jeder Fehler auf zwei Seiten vorgeführt, und das über mehrere Tage und immer noch angereichert mit früheren Fehlern. Da stellt sich schon vielen, nicht nur mir, die Frage: Was hat das zu bedeuten?“

Hier sprach keine verletzte Seele und übte sich kein vom Boulevard getriebener in Selbstverteidigung. Hier machte einer reinen Tisch für sich und für viele andere gleich mit – und erlangte so unversehens die Hoheit über eigentlich schon verloren gegebenes Terrain, welches er gleich – ungefragt – einbezog: „Im Übrigen: Nicht ich habe über mein Privatleben und meine Fehler in diesem Bereich wochenlang berichtet, sondern Sie!“ Sie! Groß geschrieben, das war deutlich zu hören. Es hätte nicht überrascht, wenn Kahn dann aufgestanden und weggegangen wäre. Aber er blieb und führte seine offenbar ungeplante, aber schon lange gereifte Standortbestimmung staatsmännisch zu Ende: „Wir sollten wieder einen normalen Umgang miteinander finden.“

Er erhielt auch noch Unterstützung von Klinsmann: „Jeder macht mal einen Fehler. Wir haben kein Problem und sind mit Oliver sehr zufrieden. Wir sind sehr angetan, wie er mit der ganzen Situation umgeht und wie locker er sich innerhalb der Mannschaft verhält.“

In Yokohama hatte 2002, mit dem losgelassenen Ball, der Ronaldo vor die Füße fiel und Brasilien zum Weltmeister machte, die Krise des Oliver Kahn begonnen. Am Donnerstag beim Spiel gegen Japan in Yokohama, hatten viele vermutet, würde er sich dieser Krise wieder stellen müssen. Vor dem Spiel wollte er wohl zeigen, dass er auf Yokohama genauso gut vorbereitet ist wie seine Gegner von der Boulevardpresse.

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