Sport : Kalkulierter Kontrollverlierer

Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und seine spezielle Position im Machtgefüge des FC Bayern

Michael Neudecker[München]

Waagen, so sagt man, lieben elegante Kleidung, haben einen ausgeprägten Hang zur Gerechtigkeit, der aber auch zu Selbstgerechtigkeit führen kann. Sie sind großzügig veranlagt, haben aber oft ein Geltungsbedürfnis und geben gerne den Ton an. Karl-Heinz Rummenigge ist am 25. September 1955 im nordrhein-westfälischen Lippstadt auf die Welt gekommen, sein Sternzeichen ist: Waage.

In den vergangenen Tagen hat Karl-Heinz Rummenigge ein paar bemerkenswerte Sätze gesagt. Am Montagabend, bei der Jahreshauptversammlung des FC Bayern München, da hat er seine Gefühle beim 4:0 in Bremen zum Saisonstart beschrieben: „Ich saß sehr entspannt auf der Tribüne, und die Fischköpfe wurden immer ruhiger.“ Am Donnerstag dann hat er im Interview mit dem Fachmagazin „kicker“ gesagt: „Welcher Klub hat einen Beckenbauer, Hoeneß und mich selbst, welcher Klub hat diese Fußballkompetenz – in ganz Europa?“ Und über die bevorstehenden Gespräche von Trainer Ottmar Hitzfeld mit dem Schweizer Verbandsdelegierten Ernst Lämmli: „Sollen wir uns irritieren lassen, dass mit einem Herrn Lämmli oder Schwämmli gesprochen wird?“ Sätze von Karl-Heinz Rummenigge, 52, sind vor allem Sätze über Karl-Heinz Rummenigge.

Seit 2002 ist der ehemalige Weltklassestürmer Rummenigge Vorstandsvorsitzender der FC Bayern München AG. Vorstandsvorsitzender, das ist ein Wort, das der Südkurven-Fan so gut wie nie in den Mund nimmt, weil es jemanden beschreibt, den er nicht mag: einen Anzugträger, einen Champagnertrinker, einen Interviewgeber. Die Südkurven-Fans verehren Franz Beckenbauer, sie huldigen Ottmar Hitzfeld und sie lieben Uli Hoeneß. Über Karl-Heinz Rummenigge hat Felix Redetzki, der Vorsitzende des FC-Bayern-Fanklubs „Red Sharks“, vor kurzem gesagt: „Jemand wie Karl-Heinz Rummenigge, der noch nie in der Südkurve war, hat doch von der Fanszene überhaupt keine Ahnung.“ Karl-Heinz Rummenigge ist das vermutlich egal. Mit den Fans zu reden, das ist nicht seine Aufgabe, es ist nicht das, was er will. Es geht ihm um den Verein, es geht um Entscheidungen. Es geht um Macht.

Der FC Bayern hat ein Machtgefüge, das im Grunde ziemlich einfach funktioniert: Die wirklich wichtigen Entscheidungen werden von nur drei Personen getroffen. Früher, da wurde im ganzen Verein über bevorstehende Verpflichtungen diskutiert, so sehr, dass etwa der Transfer von Stefan Effenberg beinahe gescheitert wäre. Heute werden Namen von potenziellen Zugängen sogar intern verschwiegen, „wir, Uli Hoeneß, Karl Hopfner und ich, haben uns austerngleich verschlossen“, hat Rummenigge mal gesagt. Der FC Bayern, das ist also: Uli Hoeneß, der emotionale Manager, Karl Hopfner, der ruhige Finanzmann, und Rummenigge, der wortgewandte Taktiker. Der oft glatt wirkende Machtmensch. Der Vorstandsvorsitzende.

Es gibt eine Geschichte über Karl-Heinz Rummenigge, den Fußballer: Im November 1977, als er noch das Trikot des FC Bayern nassschwitzte, da traten die Bayern im Lokalderby gegen den TSV 1860 an. Der Sechziger Erhard Hofeditz provozierte Rummenigge – und der antwortete mit einer Ohrfeige. Er bekam dafür die Rote Karte, er hat einfach die Kontrolle verloren. Karl-Heinz Rummenigge hat daraus gelernt. Wenn er heute die Kontrolle verliert, ist das oft kalkuliert. Wie nach dem Uefa-Cup-Spiel gegen Bolton, als er ohne Not eine Trainerdiskussion begann: Anders als Hoeneß, der wortlos zum Ausgang hetzte, war Rummenigge langsam durch die Mixed Zone der Arena gegangen, hatte zu den Reportern geblickt und war dann zu ihnen getreten – um auch dann noch über den Trainer zu sprechen, als längst andere Fragen gestellt wurden.

Am Montagabend dann hat er gesagt: „Ich reiche Ottmar symbolisch die Hand.“ Doch es war keine Entschuldigung. Weil er noch hinterherschob, er wolle, dass Hitzfeld künftig den Dialog mit dem Vorstand suchen würde. Er hat Ottmar Hitzfeld damit erneut öffentlich geschwächt, ganz bewusst hat er das getan, als er da stand, elegant gekleidet, großzügig wirkend und irgendwie selbstgerecht.

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