Sport : Kalter Reiz

Warum Inline-Skaterin Glass auch aufs Eis geht

Frank Bachner

Berlin - Der Name beginnt am Hals und endet am Ellenbogen. „Powerslide“ steht groß auf dem Trikot von Julie Glass. „Powerslide“ ist ihr Sponsor. Sie startet auch fürs „Powerslide-Team“. Das hört sich gut an, nach einer großen Gruppe, nach Kraft und Dynamik. In Wirklichkeit besteht das Team nur aus zwei Personen: Julie Glass und Chad Hedrick. Sie sind die beiden besten Inline-Skater in den USA. „Aber zu Hause fragen die Leute, ob Inline-Skating überhaupt Sport ist“, sagt Julie Glass. Der Geschäftsführer der Firma Powerslide ist ein Freund von Julie Glass’ Ehemann Doug, auf diese Weise kamen sie und Hedrick an den Sponsorvertrag. So läuft das in den USA mit Inlineskating.

ESPN, der US-Sportkanal, wird kaum berichten wie Julie Glass und Chad Hedrick beim Berlin-Marathon abschneiden (die Inlineskater starten am Samstag um 10 Uhr). Es nützt wenig, dass Julie Glass sagt: „Ich bin die klare Favoritin.“ Die 25-Jährige hat schon im vergangenen Jahr gewonnen. ESPN hat bisher nur einmal über Julie Glass und andere Inline-Skater berichtet. Das ist ein paar Jahre her, und Inline-Skating war Teil eines Berichts über „Extremsportarten“.

Inline-Skating, eine Extremsportart! Julie Glass hat das nicht sonderlich gefallen. Für sie ist Inline-Skating Hochleistungssport, ganz einfach. Andererseits ist für sie dieser Hochleistungssport zur Routine degeneriert. 17 WM-Titel, drei Mal das 100-km-Rennen von New York gewonnen, „für mich gibt es keinen reizvollen Titel mehr im Inline-Skating“.

Aufgeben will sie ihre Leidenschaft aber auch nicht, nur ein neuer Reiz muss her. Der Reiz heißt Eisschnelllauf. Seit 2002 ist sie auch noch Eisschnellläuferin. Und der noch größere Reiz heißt: Olympische Spiele. Julie Glass möchte bei dort starten. Die Olympischen Spiele in Athen verfolgte sie am Fernseher, und wenn es Gold für ihr Heimatland gab, musste sie bei der Nationalhymne weinen. Außerdem werden Eisschnellläufer in den USA vom Fernsehen und den Reportern beachtet und haben bessere Sponsoren als Inline-Skater. Aber sie muss erstmal ins US-Team rutschen. Das ist schwer genug, schließlich hat sie bisher nur insgesamt zehn Monate auf Eis trainiert.

Sie liegt damit im Trend. Chad Hedrick war ja auch satt nach 50 WM-Titeln im Inline-Skating. Er ging zusätzlich aufs Eis. Jetzt ist er Vierkampf- und 5000-m-Weltmeister geworden. Gleichwohl: In Berlin peilt er einen Sieg auf der Straße an. Seit Hedrick auf dem Eis so gut ist, blicken die Eisschnelllauf-Spezialisten auch nicht mehr so hochnäsig auf die Quereinsteiger aus der Inline-Skaterszene, sagt Julie Glass. „Sie behandeln uns mit mehr Respekt.“

Ihr eigener Respekt vor den wahren Größen der Eisschnelllauf-Szene ist allerdings noch groß genug. Gestern Nachmittag traf sie mit Hedrick in Berlin noch Claudia Pechstein, die Eisschnelllauf-Olympiasiegerin. Zuvor fragte sie einer, was denn ihre wichtigste Frage an Pechstein sein werde. Da lachte Julie Glass nur verlegen und sagte: „Ich glaube, ich werde sie gar nichts fragen. Das überlasse ich Chad. Ich höre lieber zu, was die beiden bereden.“

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