Sport : Kampf der Systeme

Anand und Kramnik streiten in Bonn um den Weltmeistertitel im Schach

Martin Breutigam

Bonn - Die letzte Schachpartie, die in Deutschland um eine Weltmeisterschaft gespielt wurde, fand im Frühsommer 1934 in Berlin statt. Die Gegner hießen Alexander Aljechin und Jefim Bogoljubow. Aus sportlicher Sicht verlief dieser auf zwölf deutsche Städte verteilte Wettkampf vergleichsweise uninteressant. Weltmeister Aljechin gewann deutlich.

Nach langer Zeit findet von Dienstag an wieder ein bedeutender WM-Kampf in Deutschland statt: Viswanathan Anand, 38, der Titelinhaber, trifft in der Bonner Kunsthalle auf Wladimir Kramnik, 33, den Champion von 2000 bis 2007. Der Inder gegen den Russen, der brillante Taktiker gegen den tiefen Strategen. Für die zwölf Partien bekommt jeder 750 000 Euro.

Sie verkörpern grundverschiedene Stilrichtungen, aber im Gegensatz zu früheren, mitunter verfeindeten Koryphäen respektieren sich Anand und Kramnik. Fußtritte unterm Tisch wird es bei ihnen bestimmt nicht geben, auch keine Parapsychologen in der ersten Zuschauerreihe. „Wir haben eine normale, anständige Beziehung“, sagt Kramnik. „Natürlich werden wir nicht zusammen Abendessen gehen, aber ich erwarte keine Skandale, sondern hochklassiges Schach.“

Seit 1989 saßen sich die beiden in über 120 Partien gegenüber. Über 50 Mal haben sie mit langer Bedenkzeit gespielt, dabei hält Kramnik mit „plus 2“ eine leicht positive Bilanz. Auch in Bonn wird sogenanntes klassisches Schach gespielt, die Partien können bis zu sieben Stunden dauern.

Ein halbes Jahr lang haben beide die Stärken und Schwächen des Gegners bis ins Detail analysiert, Computer und Sekundanten nach Eröffnungsfeinheiten forschen lassen und ihre Körper trainiert. Obwohl Kramnik nach eigenen Worten kaum etwas mehr verabscheut als Schwimmen, ist er auf Empfehlung seines Arztes Tag für Tag anderthalb Kilometer gekrault. „Insgesamt war das vielleicht eine Distanz wie von Moskau nach Bonn“, sagt der Russe und lacht.

Schon vor ein paar Tagen ist er in Bonn eingetroffen. „Ich versuche mich zu entspannen, zu genießen und emotional in Stimmung zu bringen.“ Bis zuletzt war auf beiden Seiten versucht worden, die Namen der Helfer geheim zu halten. Damit der Gegner im Hinblick auf vorbereitete Eröffnungen keine Schlüsse ziehen konnte. Inzwischen sind alle Sekundanten bekannt. Dass Topgroßmeister Peter Leko zum Kramnik-Team gehört, ist die größte Überraschung. Im WM-Finale 2004 hatte Kramnik seinen Titel gegen den Ungarn nur mit einem 7:7 verteidigen können. Die Wahl ist auch insofern interessant, weil Leko und Anand seit langem freundschaftliche Kontakte pflegen. Das Gleiche gilt aber auch für Leko und Kramnik. „Peter und ich haben großen Respekt voreinander – als Schachspieler und auch als Menschen“, sagt Kramnik. „Einige Eröffnungsprobleme werde ich sicherlich nur dank seiner Anwesenheit lösen können.“

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