Sport : Kampfgeist bringt den SC Charlottenburg ins Viertelfinale des CEV-Pokals

Frank Bachner

Vielleicht war Stefan Hübner ja sogar noch vor seiner eigenen Trophäe niedergekniet. "Volleyballer des Jahres: Stefan Hübner", überreicht 1999. Das hätte gepasst. Auf jeden Fall trug er am Mittwoch die gleichen Socken und das gleiche T-Shirt wie damals, als er mal mit der Nationalmannschaft gewann. Außerdem hatte er sich vor dem Spiel noch ein Video reingezogen, zur Motivationssteigerung: das Volleyball-Finale bei der Universiade, das Deutschland gewann. Mit im Gold-Team: Hübner. Vorbildlich diese Einstellung, ganz Marke Siegertyp, als hätte Hübner zuletzt nach Fehlern noch nie so gequält dreingeblickt, als wäre er gerade in einen Hundehaufen getreten.

Am Mittwoch, nachdem er wieder mal exzellent geblockt hatte, schritt Hübner kurz übers Feld der Sömmeringhalle wie ein stolzer Torero in der Arena. Das war konsequent. Und symbolhaft. Hübner war der leader of the gang. Einer Gang namens SC Charlottenburg, die als hochkonzentriertes, kampfstarkes Ensemble auftrat. Und die deshalb die große Überraschung schaffte: den Einzug ins Viertelfinale des CEV-Pokals. 3:0 (25:16, 25:22, 25:15) gegen Iskra Odinzowo, das reichte. Der SCC trifft nun auf das polnische Team SK Kedzirzyn. 14 Punkte Vorsprung (bei einem 3:0-Sieg) benötigte der SCC gegen die Russen, 22 spielte er heraus. "Eine Sensation", verkündete SCC-Manager Kaweh Niroomand. "Iskra wusste, dass es sehr knapp werden würde, wenn wir konzentriert und kampfstark spielen", sagte Brian Watson, der Trainer.

Wusste das Iskra wirklich? Sicher, nach dem Spiel, da schon. Da ließ sich aus dem Geschrei von Trainer Tswetnow leicht die Kernbotschaft heraushören: Versager! Aber im ersten Satz? Als die Russen so auftraten, als hätten sie eine lästige Pflichtaufgabe zu erledigen? Einen Satz werden wir schon gewinnen. Und selbst bei einem 0:3, 14 Punkte würde der SCC nie und nimmer aufholen.

Doch nach dem ersten Satz hatte der SCC bereits neun Punkte gutgemacht, und erst jetzt schienen die Russen zu ahnen, was ihnen blühen könnte. Doch nun war nichts mehr zu machen. Der SCC war zu stark, Odinzowo zu schwach. Ein SCC, bei dem besonders Hübner im Block (mit Frank Dehne) und im Angriff, Marco Liefke und Marek Wenzel überzeugten. Ausgerechnet Wenzel, der Außenangreifer, der im Sommer noch kurz vor der Abschiebung stand.

Nur: Eine Sensation war dieser Sieg nicht. Es war ein beeindruckender Kraftakt, keine Frage. Aber eine Mannschaft, besetzt wie der SCC, muss gegen ein Team, das so spielte wie die Russen am Mittwoch, klar gewinnen. "Normalerweise", sagt auch Watson, "hätten wir schon in Russland 3:1 siegen müssen." Die grosse Unbekannte war der Punkte-Rückstand. 13 Punkte aufzuholen, erfordert Nervenstärke. Der SCC hatte sie.

Aber er war ja nie tief in der Krise, auch nach dem 0:3 in Russland und dem 0:3 gegen Fellbach nicht. Bis zum Fellbach-Spiel war der SCC in der Bundesliga ungeschlagen, und gegen den Tabellen-Vorletzten scheiterten die Spieler, sagt Watson, vor allem an ihrer Überheblichkeit. Dass Niroomand etwas viel Wind machte ("Katastrophe", "Desaster"), hatte natürlich auch taktische Gründe. Der Manager wollte die Spieler aufrütteln. Immerhin: Das ist gelungen.

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