Sport : Kein Spiel mit der Geschichte Wie Schalke die eigene Vergangenheit aufarbeitet

Stefan Hermanns

Kein anderer deutscher Fußballverein war in der Zeit des Nationalsozialismus so erfolgreich wie der FC Schalke 04. Zwischen 1933 und 1945 stand er in neun der zwölf Endspiele um die deutsche Meisterschaft, gewann sechs seiner sieben Titel. All diese Erfolge haben den Schalkern den Ruf eingebracht, ein Nazi-Verein, zumindest ein von den Nazis begünstigter Verein zu sein. Zuletzt wurde darüber vor vier Jahren eine hitzige Debatte geführt, als eine Straße an der neuen Arena nach Fritz Szepan benannt werden sollte. Szepan, einer der herausragenden Spieler der Dreißigerjahre, hatte von der Arisierung eines jüdischen Textilgeschäfts profitiert. Auf die Benennung einer Straße nach Szepan wurde daraufhin verzichtet, außerdem gab Schalke eine Studie in Auftrag, um die Rolle des Vereins in der Nazizeit wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Schalke ist der erste deutsche Verein, der sich auf diese Weise mit seiner Vergangenheit beschäftigt.

Die Autoren des Gelsenkirchener Instituts für Stadtgeschichte haben ungezählte Quellen ausgewertet. Ihre verdienstvolle Studie liegt nun als Buch vor, und schon der Titel „Zwischen Blau und Weiß liegt Grau“ nimmt die Ergebnisse vorweg: Der Verein und seine Mitglieder waren nicht besser oder schlechter als das deutsche Volk. Die Autoren bescheinigen den Schalker Akteuren sogar eine „relativ unpolitische Haltung“, ein bevölkerungsdurchschnittlicher Teil war Mitglied in der NSDAP und ihren Unterorganisationen, und „im Schalker Fußballverein gab es keine überzeugten oder gar fanatischen und aktiven Anhänger des Nationalsozialismus“. Der aktuelle Vereinsvorstand schreibt in seinem Vorwort: „Eine aktive Rolle haben weder der Verein noch seine Vertreter während der NS-Zeit eingenommen.“ Allerdings wurde der FC Schalke von den Nazis vereinnahmt, nicht nur wegen der Erfolge, sondern auch, weil er sich als Verein aus einer Arbeiterstadt besonders gut zur Propagierung der nationalsozialistischen Volksgemeinschaftsideologie eignete.

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