Sport : Keine Killer, keine Künstler

Peter von Becker

bedauert die weiche Welle im deutschen Sport Viele Male ist sie Mittwochnacht in Hamburg am Kopf des Weltmeisters gelandet: die rechte Faust von Luan Krasniqi. Doch der amerikanische Schwergewichts-Champ Lamon Brewster hat jede Attacke weggesteckt – und in der achten und neunten Runde zurückgeschlagen. Zugeschlagen. Das klang dann nicht mehr wie das schweißspritzende Aufklatschen der Krasniqi-Faust. Es waren ein paar trockene, krachende Hiebe, die den größer gewachsenen und insgesamt austrainierter wirkenden Herausforderer aus Rottweil von den Beinen rissen. Da sah, da spürte jeder den alles entscheidenden Unterschied. Der Titelverteidiger, der gleich nach dem Kampf zum sanften, Gott dankenden Christenmensch wurde, er hatte im Fight den wahren Killer-Instinkt.

Diese Fähigkeit zum „tödlichen“, sprich: ausknockenden Punch besaß einst auch der liebenswerte Max Schmeling, dessen 100. Geburtstag mit dem Hamburger WM-Spektakel gefeiert wurde. Der aus dem Kosovo stammende Rottweiler Krasniqi aber erwies sich – ungeachtet seines Muts und seines kämpferischen Charmes – in der größten Stunde: als Weichschläger. Wie einst Henry Maske oder Axel Schulz. Kraftstrotzende Kerle waren sie, doch eher Punktsieger als K.o.-Künstler. Verbrämend nennt man sie „Gentleman-Boxer“ – das gilt im Grunde auch für die Klitschko-Brüder. Denn sie alle haben ihn nicht, den Killer-Instinkt. Das mag zivilisatorisch ein Fortschritt sein, doch an der Kultur des Boxens, in der nun mal ein archaischer Kern steckt, geht es vorbei.

Dabei hat der Killer-Instinkt eines Sportlers keineswegs mit roher Gewalt zu tun: sondern mit Intuition und einem mental begründeten, unbedingten Siegeswillen. Boris Becker, der in seinen besten Spielen ein Killer und Künstler war, hat darum gesagt, dass jedes enge Match „im Kopf“ entschieden wird. Nicht nur Beckers Nachfolger im deutschen Tennis haben dazu nicht den Kopf. Auch im Fußball sind die Kuranyis und Kloses im internationalen Vergleich längst keine „Bomber“ mehr. Sie sind eher Kuller- als Killer-Künstler.

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