Sport : Kicken und grübeln

Arbeitslose Fußballer halten sich in einem Trainingslager fit und bekommen Karrieretipps

Jürgen Bröker

Duisburg. Kicken. Wieder gegen den Ball treten, ihn jonglieren und in die Maschen eines Tornetzes dreschen. Grätschen. Endlich wieder Sechs-gegen-zwei, einen Beinschuss ansetzen und den Getunnelten hämisch aufziehen. Nicht ständig aufs Handy starren und auf den Anruf des Beraters warten. Sich ablenken und fit halten. Das ist es, was die Spieler im Trainingslager für vereinslose Fußballer in Duisburg suchen und finden. Die Atmosphäre ist betont locker. Trainer Wolfgang Rolff, ehemaliger Profi beim HSV und Leverkusen, lässt sich duzen. Druck gibt es nicht. Es geht nicht um Stammplätze. Es ist nicht das erwartete Lager der Verzweifelten. Eher eine besondere Art des Jobtrainings.

Für Rudi Istenic ist das keine Überraschung. Der ehemalige Profi hat wie die anderen hier noch keinen Vertrag für die kommende Saison. „Man versucht, dieses Thema nicht anzuschneiden", sagt er. Stattdessen konzentriert man sich auf den Ball. „Laufen können die Jungs auch den Rest der Woche", sagt Trainer Wolfgang Rolff. Und sich Gedanken über die eigene Situation machen. Seit Istenic aus dem Profikader von Eintracht Braunschweig ausgemustert wurde, hat er sogar mehr Zeit, als ihm lieb ist. Statt zweimal täglich mit den Berufskickern auf dem Platz zu stehen, lief er dreimal wöchentlich mit der zweiten oder gar dritten Mannschaft der Eintracht dem Ball hinterher.

Bis zum 30. Juni bekommt er sein Gehalt von Eintracht Braunschweig. Danach wird ihn wohl das Arbeitsamt finanzieren, wie auch rund 260 andere Fußballer in Deutschland. Istenic wird rund 2000 Euro Arbeitslosengeld im Monat bekommen, den Höchstsatz. Er hat sich schon beim Arbeitsamt vorgestellt und Fragebogen ausgefüllt. Auf eine Vermittlung übers Arbeitsamt kann er allerdings nicht setzen. Für Profis gelten besondere Regeln. Spielervermittler und Manager versuchen, bei der Vereinssuche mitzuverdienen. Die Mitarbeiter der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg werden bei der Vermittlung kaum eine Rolle spielen. Auch wenn Istenic einen anderen Fall kennt. Ein ehemaliger Kollege hat über das Arbeitsamt eine Stelle als Torwarttrainer gefunden. Darüber kann er sogar schmunzeln.

Sonst fällt es Rudi Istenic nicht leicht, über seine Situation zu reden. Die meiste Zeit rutscht er auf seinem Stuhl hin und her. Ab und zu wandert eine Hand verlegen in den Nacken. Zum Arbeitsamt gehen – er, der Profi, der sich noch topfit fühlt. „Das ist kein gutes Gefühl", sagt er. „Wenn man bedenkt, wo man schon überall gespielt, woran man schon teilgenommen hat.“ In seinem Heimatland Slowenien stand er 2000 im EM-Kader – Istenic hat einmal so etwas wie eine Karriere gehabt. Jetzt steht er vor dem Nichts.

Das geht vielen Fußballern in Deutschland so, egal, ob Oberligakicker oder Erstligaprofi. Die Vereine verkleinern mangels Geld ihre Kader. Zugleich können sie sich bei der Verpflichtung neuer Spieler Zeit lassen. Schließlich sind genügend Fußballer auf dem Markt. Daher hängen viele Kicker noch in der Luft. Für sie hat die Spielergewerkschaft, die Vereinigung der Vertragsfußballer (VdV), das Trainingslager nach französischem und englischem Vorbild organisiert. Nicht nur um die Kicker fit zu halten. Auch um ihnen eine Anlaufstelle für Fragen zu bieten. „Wir beraten die Spieler zu Themen abseits vom Fußball", sagt VdV-Geschäftsführer Jörg Albracht. Alternativen zur Fortsetzung der Karriere werden besprochen. Soll der Spieler eine Ausbildung zum Sport- oder Fußballkaufmann starten? Ist eine eigene Existenz – etwa mit einer Fußballschule – denkbar, oder ein Studium ratsam?

Noch ist die Zahl der Teilnehmer an den Übungseinheiten übersichtlich, bisweilen sind es nicht mehr als zehn Aktive. Doch Istenic hofft, dass kurz vor Transferschluss Ende August nicht nur Spieler, sondern auch Manager den Weg nach Duisburg finden und sehen, dass er noch „fit genug für die Regionalliga, vielleicht auch die Zweite Liga“ ist. So lange dreht er im Wald seine Runden. Im Laufrhythmus hämmert vor allem eine Frage unter der Schädeldecke: Wie geht es weiter? Kein Verein, kein geregeltes Training, keine Perspektive. Hinzu kam bei Istenic der Streit um verspätet gezahlte Gehälter und das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. All das hat die Beziehung zu seiner Lebensgefährtin nicht ausgehalten. Außerdem sind da die laufenden Kosten. „Für uns ist das genauso hart, wenn wir den Job verlieren. Wir haben auch Kosten, die wir decken müssen.“ Bei Istenic ist das der Unterhalt für seine Ex-Frau und die beiden Kinder. Hinzu kommen Miete, Auto, Versicherungen.

Istenic hat einen richtigen Beruf erlernt. So wie rund 40 Prozent der Fußballer. Das ergab eine Umfrage der VdV im Februar 2003. Istenic war Chemikant bei Bayer, hat ein Jahr lang die Meisterschule besucht. Dann kam Aleksandar Ristic und machte ihn zum Fußballprofi. Einen Weg zurück in den alten Beruf gibt es nicht. Im April hat Istenic eine Weiterbildung im Bereich Sportmanagement angefangen. Sie dauert anderthalb Jahre. Damit wollte er sich auf die Zeit nach der aktiven Laufbahn vorbereiten. „Da bin ich aber davon ausgegangen, dass ich in meinem Alter noch drei oder vier Jahre aktiv sein kann“, sagt er. Rudi Istenic ist 32 Jahre alt.

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