Sport : Klinsmann lässt im Tor rotieren Bundestrainer verzichtet in Wien auf Deisler

Frank Hellmann[Frankfurt am Main]

Er trägt Turnschuhe, das Hemd flattert über der Hose. Ein kurzes Lächeln, dann nimmt Jürgen Klinsmann Platz. Großer Saal in der DFB-Zentrale Frankfurt, Bekanntgabe des Aufgebots der deutschen Fußball-Nationalmannschaft für das Länderspiel am kommenden Mittwoch in Wien gegen Österreich. Was zuletzt bei Rudi Völler in einem sehr überschaubaren Kreis vonstatten ging, findet große Resonanz. Seit Klinsmann im Zusammenspiel mit Assistent Joachim Löw und Teammanager Oliver Bierhoff für die Nationalmannschaft verantwortlich ist, fokussiert sich das Interesse auf das neue Triumvirat. Löw sitzt an der Stirnseite des vorderen Tisches rechts neben ihm, nickt auffällig oft und wird vom Bundestrainer nur „Jogi“ genannt. Bierhoff steht hinten rechts in der Ecke und schaut zu.

Was Klinsmann vorne am schwarzen Tisch verkündet, betrifft gleich Oliver Kahn, den Torhüter mit der Stammplatzgarantie. „Wir wollen bei den Torhütern ein kleines Rotationsprinzip aufbauen." Wie zum Beweis sind neben Kahn gleich noch Jens Lehmann und Timo Hildebrand nominiert. Drei Torhüter für ein Freundschaftsspiel, das ist höchst ungewöhnlich. Klinsmanns Begründung: „Auch auf die Gefahr hin, dass einer auf der Tribüne hockt. Aber wir wollen uns ein Bild machen, wie die Chemie untereinander ist. Ich denke, Olli wird damit kein Problem haben. Wenn wir das jetzt nicht probieren, wann dann?“

Die Machtdemonstration gegenüber Kahn steht indes im Gegensatz zum Verhalten im Machtkampf mit dem FC Bayern. Klinsmann hat nach Telefonaten mit Uli Hoeneß und Felix Magath auf eine Nominierung von Sebastian Deisler und Andreas Görlitz verzichtet. Für beide sei das Länderspiel nicht förderlich, hatten die Münchner Bosse argumentiert. Klinsmann schloss sich dieser Ansicht „im offenen Dialog“ an.

Der Kader umfasst nur noch 19 Spieler, „damit kann man intensiver arbeiten“, sagt Klinsmann. Löw darf etwas über die Taktik sagen, soll eine Einschätzung über die Österreicher abgeben. Das eine (Taktik) verrät Löw nicht, das zweite (Stärke des Gegners) möchte der Assistent erst am Montag im Detail erläutern.

Dafür sagt Klinsmann etwas zu den nicht berücksichtigten Kräften Fredi Bobic (32), Dietmar Hamann (31) und Christian Ziege (32). „Mit Fredi und Didi habe ich telefoniert“, sagte Klinsmann. „Ich habe ihnen gesagt, dass wir erst mal junge Kerle ins kalte Wasser schmeißen.“ Einziger Neuling ist der Bremer Verteidiger Frank Fahrenhorst (26).

Jürgen Klinsmann weiß seine Vorstellungen durchzusetzen – kalt lächelnd erteilt er dem Schalker Ailton, Deutschlands Fußballer des Jahres mit ausdauernden Ambitionen, zur WM im deutschen Nationaltrikot zu stürmen, eine Absage: „Er ist Brasilianer durch und durch. Ich wünsche ihm, dass er sich einen Platz in der brasilianischen Nationalmannschaft erkämpft.“

Die ganze Zeit hält sich Bierhoff im Hintergrund auf, die Arme verschränkt. Doch die Tatenlosigkeit täuscht. „Als Spieler wurde alles für mich erledigt, jetzt muss ich mich um alles kümmern“, sagt Bierhoff. Um was zum Beispiel? „Etwa um die Zimmerverteilung in Wien.“

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