Klopp on top : Pazifistische Prüfung

Borussia Dortmund behält in der hitzigen Atmosphäre in Köln die Nerven und erobert durch ein spätes Tor die Tabellenspitze. Der Sieg war vor allem ein Sieg der Leidenschaft.

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Für den EInen ein Ausdruck der Freude, für den Anderen nicht "postertauglich": Roman Weidenfeller "jubelt" über den 2:1-Siegtreffer gegen Köln.
Für den EInen ein Ausdruck der Freude, für den Anderen nicht "postertauglich": Roman Weidenfeller "jubelt" über den...Foto: dpa

Selbst Stunden nach der feigen Attacke war die Verwunderung nicht verflogen. Mitten im dunklen Wald war es passiert. Aus dem Hinterhalt flog ein Stein auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund, eine Scheibe splitterte, verletzt wurde zum Glück niemand. Viel mehr Gerichtsverwertbares aber wussten die Opfer des Anschlags bei ihrer Vernehmung nicht zur Aufklärung beizutragen. „Wer? Warum? Keine Ahnung“, sagte Dortmunds Innenverteidiger Neven Subotic. „Wir haben denen nichts getan vor dem Spiel.“ Es hörte sich fast so an, als wollte Subotic sagen: Wenn sie uns nach dem Spiel attackiert hätten – okay.

Die 1:2-Niederlage gegen die Dortmunder, vor allem aber deren Dramaturgie war selbst für die pazifistisch Gesinnten unter den Anhängern des 1. FC Köln eine echte Prüfung. Nach dem Rückstand durch Blazczykowskis Tor in der ersten Halbzeit mühten sich die Kölner redlich gegen den technisch und taktisch überlegenen Gegner, sie kamen durch einen wuchtigen Volleyschuss von Lukas Podolski gut zehn Minuten vor Schluss tatsächlich zum irgendwie verdienten Ausgleich – und wurden am Ende nur umso mehr gequält. Wenige Sekunden vor Ablauf der Spielzeit traf Nuri Sahin zum 2:1. Der Ball war vom Bein des Kölners Geromel noch abgefälscht worden, er flog zunächst steil in die Höhe, für einen Moment schien die Zeit stehen zu bleiben, dann plumpste er hinter die Torlinie.

Was danach folgte, war die wahnwitzige Zugabe auf einen ohnehin kurzweiligen Abend. Nuri Sahin löste sich aus dem Dortmunder Jubelknäuel und spurtete ungebremst auf den Mittelkreis zu. Kurz vor dem Ziel schlidderte er mit dem Bein voraus über den Rasen, haarscharf an den Füßen von Lukas Podolski vorbei. Von der anderen Seite eilte Torhüter Roman Weidenfeller heran, sein Gesicht war vor Freude deformiert. Der Dortmunder Keeper gratulierte zunächst dem Torschützen, versäumte es dann jedoch nicht, Podolski ebenfalls eine spezielle Grußadresse zuzustellen – mit zum Jubel geballten Fäusten.

Podolski galt das gesteigerte Interesse der Dortmunder, weil er zuvor keine Gelegenheit ausgelassen hatte, sie zu provozieren. Zwei Mal verzögerte er mutwillig das Spiel, und nach seinem Tor zum 1:1 ließ er Sahin eine besondere Botschaft zukommen. Zur Erinnerung an den 3:0-Sieg der Deutschen gegen die Türkei eine Woche zuvor streckte Podolski dem Dortmunder mit der einen Hand drei Finger entgegen, während er mit Zeigefinger und Daumen der anderen einen Kreis formte. Roman Weidenfeller berichtete nach dem Spiel, dass Podolskis Provokationen schon viel früher begonnen hätten. Bereits in der ersten Halbzeit habe er ihm einmal „über den Scheitel gestreichelt“. Das gehöre sich nicht, fand Dortmunds Torhüter. „Zum Affen machen lass ich mich nicht“, sagte Weidenfeller. „Irgendwann ist gut.“

Im Nachhinein muss man feststellen, dass es keine besonders geschickte Taktik der Kölner war, die Dortmunder zu provozieren. Deren Widerstandsgeist hatten sie damit erst richtig angestachelt. Dass die Mannschaft von Jürgen Klopp in dieser Saison einen gepflegten Ball spielen kann, ist inzwischen hinlänglich bekannt; in Köln aber zeigten die Dortmunder am Ende: Wir können auch Emotion. Ihr Sieg, der siebte hintereinander, war vor allem ein Sieg der Leidenschaft.

„Beeindruckend die Gier und die Art und Weise, wie meine Mannschaft auf die drei Punkte gespielt hat“, sagte Klopp. Beeindruckend auch, wie sie den späten Ausgleich wegsteckte. Weil ihre interne Planung für das Duell mit den Kölnern einen Sieg vorgesehen hatte, wussten die Dortmunder nach dem 1:1 ganz genau, was zu tun war. „Das heißt, dass wir noch eins machen müssen“, sagte Marcel Schmelzer. Das Spiel war gerade erst wieder angepfiffen, da hatte Robert Lewandowski schon die erste Chance zum 2:1. „Wir hätten das Spiel ja auch runterspielen können“, sagte Roman Weidenfeller. „Aber wir wollten mit absolutem Willen gewinnen. Und das muss belohnt werden.“

Gerade deshalb habe er sich über den Siegtreffer so gefreut. Dass der Torhüter des BVB dabei nicht die allerbeste Figur abgab, störte – wenn überhaupt – nur seinen Trainer. „Von dem Gesicht, das Roman Weidenfeller beim Abpfiff gemacht hat, muss man kein Poster machen“, sagte Jürgen Klopp.

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