Sport : Köln dehnt sich

Beim Aufsteiger kümmern sich alle um Lukas Podolski – damit der Stürmer noch lange bleibt

Anno Wilhelm[Köln]

Wer hat das Sagen im Verein? Nach Vorbild des FC Bayern soll der 1. FC Köln mit verdienten Altstars in die Zukunft geführt werden. Doch gegen die Weltfußballer in der Münchner Vereinsspitze fallen Kölns Regionalgrößen wie Stefan Engels und Jürgen Glowacz deutlich ab. Einzig Präsident Wolfgang Overath, Weltmeister von 1974, verfügt über die erhoffte Strahlkraft. Er gibt die großen Linien vor und hielt – gegen manche Kritiker – an Sport-Geschäftsführer Andreas Rettig fest. Der regelt das Alltagsgeschäft und sorgt mit teilweise scharfer Rhetorik für Ruhe im und um den Verein.

Was hat sich verbessert? Trainer Uwe Rapolder hat mit seiner optimistischen Art die Stimmung in der Mannschaft wesentlich verbessert. Unter dem übellaunigen Vorgänger Huub Stevens war sie am Ende ziemlich verdorben. Und Stimmung ist wichtig in Köln. Mit Peter Madsen (Bochum) und Imre Szabics (Stuttgart) sind zwei solide Erstliga-Mittelstürmer gekommen, Außenstürmer Patrick Helmes (aus Siegen) könnte mit seiner spektakulären Spielweise die Liga beeindrucken. Auch das Krisenmanagement hat sich gebessert. Eine dubiose Holding wollte kürzlich als Hauptsponsor auf der Trikotbrust der Kölner Werbung für die Insel Zypern platzieren. Nur: Offizielle Stellen auf Zypern wussten von nichts. Der Deal platzte. Die Führung des FCK hat schnell reagiert. Nach der Präsentation eines neuen, zuverlässigen Sponsors war die Sache aus den Schlagzeilen.

Wie sicher ist der Job des Trainers? Uwe Rapolder hat die Aura eines Fußballphilosophen. Sein Schlagwort vom Konzeptfußball hat das Umfeld übernommen. Weil Rapolder die Mannschaft beharrlich lobt und mit seinem Konzeptfußball den Eindruck erweckt, als würden andere Trainer ihre Spieler nach dem Zufallsprinzip über den Platz rennen lassen, weckt er große Erwartungen. Die Fallhöhe ist entsprechend.

Welche Taktik ist zu erwarten? Rapolder lässt bevorzugt mit Viererkette, zwei defensiven Mittelfeldspielern, zwei schnellen Außenspielern, einer Spitze und einem hängenden Stürmer spielen. Von den Stürmern verlangt er aufopfernde Bereitschaft, defensiv mitzuarbeiten. In der Verteidigung schwört Rapolder auf eine klare Aufgabenverteilung, in der Offensive auf detailliert eingeübte Spielzüge. Gegen Spitzenteams zieht Rapolder den Verbund bis weit in die eigene Hälfte zurück.

Welche Platzierung ist möglich? Köln will mit jungen deutschen Spielern und attraktivem Fußball zum Markenzeichen in der Liga werden. Das birgt für einen Aufsteiger Risiken. Die Abwehr beispielsweise wirkt mit dem jungen Lukas Sinkiewicz, Neuzugang Björn Schlicke (Hamburg) und womöglich Murat Yakin (in Stuttgart und Kaiserslautern gescheitert, von Köln umworben) für die Erste Liga noch nicht perfekt gerüstet. Köln wird daher Glück brauchen, um oberhalb der Abstiegsränge zu landen.

Wer sind die Stars? Über allem steht Stürmer Lukas Podolski. Seine Tore und seine unverstellte Art, Interviews zu geben, bringen Freude. Eine ähnliche Bedeutung für den Verein hat nur noch Podolskis Mutter Christina. Ihr wird zugetraut, den Sohn mit Nestwärme und polnischer Küche über 2006 (dann will ihn Bayern) oder 2007 (Vertragsende) hinaus in Köln zu halten. Alle anderen Helden-Ambitionen bremst Rapolder, für den der einzige Star sein System ist.

Wer hat noch Chancen auf die WM? Von den deutschen Spielern keiner – außer Lukas Podolski.

Wie sind die Fans? Sie sind, ohne Übertreibung, unglaublich. In einem Jahrzehnt kontinuierlichen Niedergangs hat sich zwischen Verein und Fans eine Art Schicksalsgemeinschaft herausgebildet. Nie war die Bindung so stark wie in den als moralische Prüfung empfundenen Zweitliga-Jahren. Nach nunmehr 25 000 verkauften Dauerkarten für die Bundesliga hat der Verein den Verkauf gestoppt. Schließlich sollen auch noch andere außer den Dauerkarteninhabern ihren Kindern zeigen können, wie sich die Kölner selbst feiern, wenn es auf dem Platz nicht läuft.

Die gesamte Serie im Internet:

www.tagesspiegel.de/bundesligatest

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