Kolumne Europareise (20) : „Pizza endstazione! Pasta la Basta!“

Italiener, die nicht mehr wie Italiener spielen, deutsche Fans, die nichts verzeihen: Moritz Rinke macht sich vor dem EM-Halbfinale Sorgen. Trotzdem setzt er auf Deutschland - selbst wenn ihm sein Lieblingsitaliener wieder einen Salzstreuer an den Kopf wirft.

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Moritz Rinke Foto: Mike Wolff
Moritz RinkeFoto: Mike Wolff

Heute also il classico! Aber irgendwie habe ich kein ganz rundes Gefühl, und am meisten fürchte ich mich davor, dass die Deutschen unserem tollen Team keine Niederlage verzeihen und sehr wütend werden würden (arrabbiato, kennt man ja von den scharfen Spaghetti!). Wochenlang würde in Deutschland die Aufarbeitung stattfinden, mit diesem „Hordenjournalismus“, wie Günter Grass das zum Beispiel mit letzter Tinte nannte, wo dann nichts mehr übrig bleibt. Oder mit Selbsthass: vielleicht die eigenen Autofähnchen abknicken oder die Deutschlandautospiegel abreißen, was für Deutsche einer Art Selbstverstümmelung gleichkommt. Auf jeden Fall würden wir uns nach einer Niederlage alles Mögliche selbst abreißen, da bin ich mir sicher.

Und die Italiener spielen ja plötzlich auch gar nicht mehr wie Italiener! Das ständige Hinfallen, das Mamma-Geweine und dieses Herumfrisieren der Haare und Zurechtrücken der Gabbana-Unterhose: alles weg! Und auch dieses nervige Catenaccio ist weg! Stattdessen bedingungslose Offensive mit diesem wahnsinnigen Balotelli.

Pino, mein italienischer Wirt, der sein Restaurant gegenüber vom Schloss Charlottenburg in so eine Art Giuseppe-Meazza-Stadion umgewandelt hat, stand während des Spiels gegen England selbst fassungslos vor der Leinwand. „È questa Italia? È questa Italia??!“, rief Pino und verkündete, er wolle sich jetzt wie Pirlo die Haare wachsen lassen.

Trotzdem werde ich mich heute selbstbewusst vor seine Leinwand setzen und sagen: „Pizza endstazione! Pasta la Basta!“, dann wirft mir Pino wieder einen Salzstreuer an den Kopf, was in Italien angeblich Glück bringt.

Theoretisch müssten die Deutschen aber gewinnen. Pirlo hin, Pirlo her!

Ich mache mir auch keine Sorgen wegen dieser blöden Bilanz-Statistik (3:4 n. V. Halbfinale 1970, 1:3 Finale 1982, 0:2 n. V. Halbfinale 2006) – eher macht mir eine andere, seltsame Statistik Sorgen: Immer, wenn Italien einen Manipulationsskandal hatte, holte es den Titel. Meine Theorie: Italien gewinnt immer dann, wenn es mal gerade ungünstig ist, viel Geld gegen sich selbst zu setzen. Den Spielern sind gerade die Hände gebunden, also spielen sie Fußball. Und das war ja auch im Spiel gegen England der Fall, und darum waren sie auch nicht wiederzuerkennen.

Und eine andere Statistik macht mir auch Sorgen. Am 4. Juli 2006 warf mir Pino schon mal einen Salzstreuer an den Kopf. Wir wissen, wie das endete.

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