Kolumne: Ich - Ironman (23) : Albtraum erfüllt

Unser Autor will Anfang Juli am deutschen Ironman in Frankfurt teilnehmen. Beim Freiwassertraining im Langener Waldsee vermasselt er ausgerechnet den Massenstart. Verspätet geht er auf Kollisionskurs

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Alle Mann zu Wasser. Das Freiwasser ruft!
Alle Mann zu Wasser. Das Freiwasser ruft!Foto: promo

Manchmal wird ein Traum wahr und es ist zum Kotzen. Die Angst, zu spät zum Schwimmstart zu kommen, hat mich schon Nächte umgetrieben. Am Morgen musste ich zwar immer müde darüber lächeln. Wer allerdings zum ersten Mal von Frankfurt aus mit dem Auto zum heiligen Langener Waldsee fährt, der kann sich seinen Albtraum leicht erfüllen. Im Durcheinander von Bundesstraßenschildern und Autobahnanschlüssen lande ich statt am Baggersee auf der A3 Richtung Westen. Zehn Minuten vor dem Schwimmstart. Die nächste Ausfahrt? Umkehrmöglichkeit? Fehlanzeige. Kilometerlang fahre und fluche ich dem Sonnenuntergang entgegen. Irgendwann kommt vor Hawaii dann zum Glück noch das Wiesbadener Kreuz. Leider zu spät.

Als ich am Ufer des Langener Waldsees ankomme, ist die Schlacht in vollem Gange. Ich sehe, wie sich im Abendlicht ein riesiger Teppich aus Schwimmern in der Ferne schon um die zweite gelbe Boje windet. Um zehn Minuten habe ich den Massenstart verpasst und damit die Gelegenheit, mir auf der originalen Ironman-Schwimmstrecke vorab zur Eingewöhnung schon mal den einen oder anderen Tritt und Ellenbogenschlag einzufangen. Das perfekte Training eben.

Jeden Donnerstagabend veranstaltet der deutsche Neoprenanzughersteller Sailfish seine Swimnight am Langener Waldsee. Begleitet und bewacht von Rettungsschwimmern in Booten und auf Surfbrettern können die Teilnehmer bis zu drei Kilometer im Freigewässer schwimmen, dabei Sicherheit sammeln und lernen, sich zu orientieren. Das mag nach einem Nerdtreff klingen, zieht aber jedes Mal eine Gemeinde von 500 Menschen an. Und genau das macht die Veranstaltung in der Wettkampfvorbereitung so reizvoll. Deshalb bin ich da. Wo lässt sich sonst schon wöchentlich der angsteinflößende Massenstart simulieren?

Eilig quetsche ich mich in meinen Neoprenanzug. Verzweifelt bangend, dass möglichst viele Schwimmer nach den ersten 1500 Metern noch eine zweite Runde dranhängen, springe ich ins kühle Wasser. Und tatsächlich: Die ersten ahnungslosen Exemplare drehen schon vor dem Ufer ab und kraulen erneut auf den offenen See hinaus. Ich dränge mich auf. Da das Wasser milchig trüb ist, fällt es mir aber nicht leicht, den Kollisionskurs zu halten. Mehr als ein paar sanfte, neoprengepolsterte Berührungen sind nicht drin. Zorn und Ärger wie im Wettkampf lassen sich so natürlich nur unbefriedigend simulieren.

Mache ich zehn Kraulzüge, ohne mich zu orientieren, schwimme ich blöderweise immer leicht nach links. Die eigentlich großen gelben Bojen, die die Strecke markieren, sind beim direkten Blick über die Wasseroberfläche kaum zu sehen. Es spritzt und schäumt schließlich um mich herum. Wie soll das erst werden, wenn beim Ironman die blendende Morgensonne dazukommt? „Dann siehst du fast nicht mehr“, hat mich Fredrik, ein schlachterprobter Ironman, gewarnt. Statt der Bojen solle man sich zur Orientierung ein größeres Ziel an Land suchen, empfiehlt Christof Wandratsch, der mit 41 Minuten und 26 Sekunden den Schwimmweltrekord über die Ironmandistanz von 3,86 Kilometern hält.

Als ich völlig unverletzt wieder den Startpunkt am Ufer erreiche, warten im flachen Wasser noch unzählige Schwimmer, die in ihren schwarzen Anzügen wie eine Schar Gläubige meditativ aufs glitzernde Wasser hinaus schauen. Völlig still, mit einem Ausdruck von Dankbarkeit, Bewunderung und Respekt. Dann sind da einige kleine Grüppchen, die mit ruhiger Stimme und wissendem Blick fachsimpeln. Und leider fast unüberhörbar ist der, der laut und unverhohlen prahlt: „Und jetzt mit einem 40er Schnitt zurück.“ Darüber lacht wohl nur, wer gerade das Hirn eine Stunde überwiegend unter Wasser hatte. Was ein Pech, dass ich dafür zu spät war. Das passiert mir nie wieder.

- Arne Bensiek ist Autor des Tagesspiegel. Jeden Donnerstag erscheint seine Kolumne „Ich – Ironman“ auf www.tagesspiegel.de/ironman.

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