Kolumne Steilpass : Der Fußball wird wurmstichig

222 Milllionen für Neymar, 147 für Dembélé, 17 für Jhon Cordoba - der Wahnsinn geht in Serie. Was machen solche Summen eigentlich mit dem Fußball, fragt unser Kolumnist.

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Er hat's geschafft. Ousmane Dembélé trägt das Trikot seiner Träume.
Er hat's geschafft. Ousmane Dembélé trägt das Trikot seiner Träume.Foto: dpa

Neulich habe ich geträumt, dass Rouwen Hennings, der Stürmer von Fortuna Düsseldorf, kurz vor Ende der Transferperiode für 35 Millionen Euro zu einem englischen Zweitligisten wechselt. Ich gebe zu: ein ziemlich unrealistischer Traum. Unrealistisch deshalb, weil ich mich maßlos über diesen Irrsinn aufgeregt habe: 35 Millionen für einen Zweitligastürmer – geht’s noch?

In Wirklichkeit haben wir uns an den Irrsinn ja längst gewöhnt. Oder besser: sind schleichend an ihn gewöhnt worden. 17 Mios für Jhon Cordoba, 41,5 für Corentin Dingens, 222 für Neymar. Die „Zeit“ hat schon im März auf diese Entwicklung hingewiesen, die jetzt aber mal so richtig durchschlägt: „Der Fußballmarkt verlangt einen raschen Umschlag von Idolen“, heißt es da unter der Überschrift: „Mittelmäßige Spieler verdienen zu viel“. Und um diese unappetitliche Entwicklung wissenschaftlich zu untermauern, wird der Berliner Rechtswissenschaftler Professor Dieter Heckelmann zitiert: „Im Rahmen der jeweiligen Fußballabteilung ,kaufen und verkaufen‘ die Vereine Spieler auf dem sogenannten Spielermarkt. Die dabei erzielten Umsätze richten sich nach dem Marktwert des Spielers, der einerseits nach dessen spielerischem Vermögen bestimmt wird, mit dem der Verein (…) seine eigene Wirtschaftskraft stärken will. Andererseits wird der Preis nach dem Wettbewerbsmarkt der Vereine untereinander entnommen, der bei konkurrierenden Angeboten mehrerer Vereine in die Höhe schnellt.“

Mit anderen Worten: Je knapper das Angebot, desto höher die Preise. Im Mai hätte Borussia Dortmund Ousmane Dembélé vermutlich schon für 75 Millionen Euro ziehen lassen, jetzt hat der BVB erst bei 147 Millionen sein Okay zu einem Transfer gegeben. „Wie auch immer“, schreibt die „Zeit“: „Tatsache ist, daß die Ware Fußball langsam aber sicher wurmstichig wird, weil nicht nur die Frucht, sondern immer häufiger auch das Früchtchen zu Überpreisen auf den Markt kommen.“ Und trotzdem: „Der Fan zahlt alles.“

Wie gesagt: Hat man alles schon im März so nachlesen können. Im März 1979.

Die Kolumne Steilpass erscheint immer freitags im gedruckten Tagesspiegel auf der Seite „11Freunde freitags“.

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