Kommentar : Abstieg mit Ansage

Von Dieter Hoeneß bleibt die Erinnerung an Erfolge, der Name Michael Preetz wird mit dem Abstieg verbunden. Jetzt muss Hertha der Neuanfang in der Zweiten Liga gelingen. Ein Kommentar.

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Hertha BSC steigt aus der Fußball-Bundesliga ab. Na und? Die Stadt wird es überleben, wie sie die Schließung des Schillertheaters überlebt hat, den Bankenskandal und die Streichung der Berlin-Zulage. Es wird jetzt Kommentare geben, dass jede Stadt den Fußballverein bekommt, den sie verdient hat. Der Berliner wird diese Häme wegstecken, wie er auch die Häme weggesteckt hat über das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, das dem Berliner nahelegte, er möge ein bisschen mehr arbeiten und ein bisschen weniger Party machen, bevor er um Bundeshilfen bittet.

Das Tragische am Absturz vom Fast-Meister der vergangenen Saison ist, dass ihm eine Managemententscheidung zugrunde liegt, die sich diametral gegen das wendet, wofür Berlin dem Klischee nach steht. Auch Hertha BSC war bis ins dritte Jahrtausend hinein die Fortführung der alten West-Berliner Versorgungsmentalität mit sportlichen Mitteln. Im Sommer 2009 aber mochten Klub- und Geschäftsführung nicht länger Geld ausgeben, das es nicht gab. Das Management versagte sich der Versuchung, weiter in die Mannschaft und damit in die Zukunft zu investieren. Heute ahnt man, dass das ein Fehler war. Fußball ist mehr als Betriebswirtschaft, er kennt auch eine metaphysische Ebene. So sinnvoll der selbst verordnete Sparkurs aus unternehmerischer Sicht war, so verheerend war seine symbolische Wirkung: Da sind welche, die nicht an sich glauben. Die wissen, dass sie über ihre Verhältnisse gespielt haben. Das Signal zeigte Wirkung.

Herthas Niedergang ist eng verbunden mit den Namen Michael Preetz und Lucien Favre. Manager Preetz fiel die undankbare Aufgabe zu, das Erbe des einst allmächtigen Dieter Hoeneß anzutreten. Der hemdsärmelige Hoeneß hatte stets zu viel Geld ausgegeben und den Verein an den Rand der Zahlungsunfähigkeit geführt. In der Erinnerung aber bleibt, dass Hertha unter seiner Führung zum Establishment gehörte. Vom stillen Berufsanfänger Preetz wird nur die Erinnerung an den Abstieg bleiben. Trainer Favre war einen Frühling lang der Liebling der Feuilletons. Ein charmanter Feingeist, der mit wenig Geld und viel Liebe zum Detail eine mittelmäßig besetzte Mannschaft zum ernsthaften Herausforderer für den FC Bayern München machte. Der Schweizer philosophierte gern über seine Vision von einem modernen Fußball-Unternehmen. Dann kam die Krise, und dem Feingeist fehlten die Antworten. Heute ist Lucien Favre im siebten Monat arbeitslos.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, daran hat sich seit Hermann Hesse nichts geändert. Auch Manchester United und der AC Mailand haben vor gar nicht so langer Zeit einmal in der zweiten Liga neu anfangen müssen. Heute zählen sie zu den Giganten des Weltfußballs. Von einer solchen Entwicklung träumt Berlin nicht einmal. Vor zwanzig Jahren spülte die Wende-Euphorie eine sportlich eher mittelmäßige Hertha-Mannschaft nach oben (und gleich wieder nach unten). Die neuerliche Rückkehr in die Bundesliga lief Mitte der Neunzigerjahre parallel zum Umzug der Bundesregierung und zur Wiedergeburt der Weltstadt Berlin. Zu Beginn des Jahrtausends spielte Hertha in der Champions League gegen die Weltfirmen FC Barcelona, FC Chelsea und AC Mailand.

Im Frühling 2010 versucht sich Berlin als Discount-Metropole neu zu erfinden. Es fällt schwer, darin ein Symbol für eine erfolgreiche Fußball-Zukunft zu sehen.

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