Kommentar : Schiedsrichterskandal: Fehlende Fürsorge

Der Deutsche Fußball-Bund und seine lange Liste von Versäumnissen: Robert Ide über die Fehler des DFB im Schiedsrichterskandal.

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Für den Deutschen Fußball-Bund beginnt eine weitere delikate Woche. Am Freitag wird sich das Präsidium des DFB erneut mit der Affäre um mögliche sexuelle Belästigungen unter Schiedsrichtern beschäftigen müssen. Und mit den eigenen Fehlern in diesem Skandal, der sich zur Führungskrise des DFB auswächst. Denn auch wegen Ungeschicklichkeiten an der Verbandsspitze artet die Causa um den zurückgetretenen Schiedsrichterfunktionär Manfred Amerell zur öffentlichen Schlammschlacht aus. Der wichtigste Sportverband des Landes gibt dabei ein schlechtes Bild ab. Präsident Theo Zwanziger und sein Generalsekretär Wolfgang Niersbach werden sich dafür zu rechtfertigen haben.

Die Liste der Versäumnisse ist lang und – vor allem, was die menschlichen Folgen betrifft – auch schwerwiegend. Der mögliche Täter Manfred Amerell ist beruflich und als öffentliche Person erledigt. Das mögliche Opfer Michael Kempter (an dessen Opferrolle allerdings die Zweifel erheblich wachsen) ebenso. Das hat nicht nur Amerell zu verantworten, der zu seiner Verteidigung mit allen Mitteln um sich schlägt – sondern auch der DFB, der Kempter beraten und sich dessen Position schnell zu eigen gemacht hat.

Schlimm genug, dass die Wurzel der Affäre im System liegt. Das vom DFB verantwortete Schiedsrichterwesen ist so intransparent organisiert und so wenig kontrolliert, dass Manfred Amerell offenbar nach Gutsherrenart agieren und seine Funktion offensichtlich missbrauchen konnte. Nachdem sich Kempter Hilfe suchend an den Verband gewandt hatte, erntete er zunächst langes Schweigen und dann – nachdem der Fall öffentlich geworden war – eine ungesunde Betriebsamkeit. Zwanziger, wegen der gescheiterten Vertragsverhandlungen mit Bundestrainer Joachim Löw unter Rechtfertigungszwang, zog den Fall an sich. Seine noch beim Wettskandal gezeigte Umsicht ließ er dabei vermissen. Schnell sprach der DFB von „sexueller Belästigung“. Vorschnell wurde der Fall für beendet erklärt. Unnötig wurden „sexuelle Kontakte“ offenbart. Anderen Schiedsrichtern, die Kempter zu Hilfe eilten, wurde Vertraulichkeit zugesichert – in einem gerichtlichen Vergleich mit Amerell wurde diese geopfert. Längst lässt sich dieses Desaster nicht mehr als Kommunikationspanne abtun. Erschreckend sind vielmehr der offensichtliche Mangel an Sensibilität – nach dem Enke-Suizid von Zwanziger noch selbst angemahnt – und die fehlende Fürsorge für mögliche Opfer von Abhängigkeitsverhältnissen im Verband.

Die schmutzige Causa wird Zwanziger als DFB-Präsident immer nachhängen – auch weil sie seinen Einsatz gegen Homophobie im Fußball konterkariert. Amerell und besonders Kempter und den anderen betroffenen Schiedsrichtern wird sie im persönlichen Leben immer nachhängen. Das ist auch die Schuld des DFB.

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