Kommentar zur Leichtathletik-WM : Wir Vielseitigen

Bei der Leichtathletik-WM in Moskau hat Zehnkämpfer Michael Schrader mit seiner Silbermedaille die Deutschen an ihre eigentliche Identität erinnert. Es ist die Vielseitigkeit. Wir können alles – zumindest ein bisschen, meint unser Autor.

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Silber. Nach seinem Triumph reibt sich Michael Schrader die Augen.
Silber. Nach seinem Triumph reibt sich Michael Schrader die Augen.Foto: Reuters

Eine Wegwerfgesellschaft seien die Deutschen, hieß es noch bis vor kurzem, und der beste Beleg dafür waren ihre Leistungen in der Leichtathletik. Kaum hatten sie einen Speer in der Hand, einen Diskus, Hammer oder eine Kugel, warfen sie so weit, dass ihnen kurz darauf jemand eine Medaille um den Hals hängte. Ein Startschuss dagegen hatte weniger Wirkung, da liefen die anderen meist davon. Doch jetzt hat Zehnkämpfer Michael Schrader mit seiner Silbermedaille das Land an seine eigentliche Identität erinnert. Es ist die Vielseitigkeit. Wir können alles – zumindest ein bisschen.

Diese Einsicht lag verschüttet. Es gab große Erfolge der Zehnkämpfer, aber sie waren etwas verblasst, Frank Busemann hatte vor 16 Jahren die letzte WM-Medaille gewonnen. Die Frauen waren da vielseitiger, das zeigte zuletzt Lilli Schwarzkopf mit ihrer olympischen Silbermedaille in London im Siebenkampf. Und eine Deutsche war sogar schon mal die Vielseitigste unter den Vielseitigen: Lena Schöneborn, als sie 2008 Olympiagold im Modernen Fünfkampf gewann, der Disziplin, die auf der Planche, im Wasser, auf der Laufbahn, am Schießstand und auf dem Rücken eines Pferdes stattfindet. Mehr Abwechslung geht im Sport nicht. Wer in London die erste Goldmedaille für die deutsche Mannschaft geholt hat, sei auch noch kurz erwähnt: die Vielseitigkeitsreiter.

Mit einem Mehrkampf ist es so wie mit einer guten Allgemeinbildung. Die bedeutet doch auch nichts anderes, als in möglichst vielen Bereichen ein gesundes Halbwissen zu haben. Damit kommt man bei jeder Party, bei jedem gesellschaftlichen Empfang spielend über die Runden. Wer will schon ein Fachidiot sein?

Zum Dank, dass er das Land an seine Bestimmung erinnert hat, wird sich Michael Schrader nach der Bundestagswahl sicher einen Posten aussuchen dürfen: entweder als Ehrenbotschafter für die pluralistische Gesellschaft oder als Multi-Mucki-Beauftragter.

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