Sport : Kontrollierte Offensive

Wie der Deutsche Schwimm-Verband jeden Dopingverdacht entkräften will

Frank Bachner

Budapest - Es waren die Reizwörter „Ullrich“ und „Landis“, die ein Journalist im Gespräch mit Norbert Warnatzsch, dem Trainer der dreimaligen Europameisterin Britta Steffen, nannte. Es waren die Namen der Radprofis, die unter Dopingverdacht stehen. Britta Steffen also auch unter Verdacht? „Da bin ich ziemlich barsch geworden“, sagte Warnatzsch, der nicht der Einzige war, der sich für die Erfolge der deutschen Schwimmer rechtfertigen musste. Christa Thiel, die Präsidentin des Deutschen Schwimmverbands, hörte von einem Reporter die Frage: „Was nehmt ihr eigentlich?“

„Nichts“, erklärte Warnatzsch bestimmt. Und dann steigerte er sich zu einem fast schon historischen Auftritt. Warnatzsch, ansonsten eher Pragmatiker, wurde pathetisch: „Ich verbürge mich dafür, dass sie sauber ist.“ Das nützt allerdings nichts, da die Dopingdiskussion zurzeit trotzdem aktuell ist. Schließlich verbesserte Steffen innerhalb eines Jahres ihre Bestzeit um zwei Sekunden, Endpunkt Weltrekord. „Was hätte man denn geschrieben, wenn das eine Russin geschafft hätte?“, fragte Örjan Madsen, der deutsche Cheftrainer. Starker Dopingverdacht, hätte man vermutlich geschrieben.

Natürlich haben die Trainer Erklärungen: Britta Steffen ist gelassener geworden, sie hat zehn Kilogramm abgenommen, sagt Warnatzsch. „Sie hat irrsinnig viel Talent und kann ihr Potenzial endlich abrufen“, sagt Madsen. Außerdem gibt es generelle Fortschritte im Schwimmen. „Bei Starts und Wenden ist man unglaublich vorangekommen“, sagt Bundestrainer Manfred Thiesmann. „Die Trainingsanalysen wurden verfeinert, es gibt Fortschritte in der Technik, man kann Belastungen besser steuern.“

Aber beim DSV schlagen sie eine clevere Taktik ein. Das Thema kommt sowieso, also versuchen sie, es offensiv zu steuern. Madsen will Blutprofile von allen deutschen Spitzenschwimmern erstellen lassen. Dann kann man zum Beispiel leichter das Dopingmittel Epo und den Missbrauch von Eigenblut nachweisen. Vor allem aber kann man einen DNA-Test eines Athleten machen, um eventuellen Missbrauch zu offenbaren. Die Deutschen gehen bis Olympia 2008 dreimal pro Jahr jeweils vier Wochen ins Höhentrainingslager, „da könnte man im Ausland zu dem Gedanken kommen, wir würden damit Epo-Missbrauch vertuschen“, sagt Madsen. Genau diesen Verdacht will er mit den Blutprofilen ausräumen. Vor und nach einem Höhen-Trainingslager wird den Athleten vom Verband sowieso Blut abgenommen, Madsen will dieses Blut gleich einem unabhängigen Labor zukommen lassen. „Am Geld wird so etwas nicht scheitern“, sagt Verbandspräsidentin Thiel. Madsen rechnet mit Kosten von 30 000 Euro pro Jahr.

Aber Thiel hat jetzt schon eine Botschaft ans verständlicherweise misstrauische Ausland: „Wir sind nach den Leichtathleten der am stärksten kontrollierte deutsche Verband.“ Stimmt, sagt Matthias Blatt, der bei der Nationalen Dopingagentur (Nada) für alle Kontrollen zuständig ist. Die Nada hatte 2005 insgesamt 330 Trainingskontrollen im Schwimmen angesetzt, bei den Leichtathleten 1000. „Aber dazu kommen noch viele Wettkampfkontrollen“, sagt Blatt. Britta Steffen wurde 2005 dreimal im Training kontrolliert, in diesem Jahr hatte die 22-Jährige eine Trainingskontrolle. Annika Liebs, die neue Weltklasseschwimmerin über 200 Meter Freistil, hatte in diesem Jahr fünf Trainingskontrollen, 2005 eine Kontrolle. Europarekordler und Europameister Helge Meeuw hatte 2005 drei, in diesem Jahr bisher vier Trainingskontrollen. „Das ist relativ viel“, sagt Blatt. Aber ist es genug? Das Konzept mit dem Blutprofil gefällt dem Nada-Experten. „Das fordern wir ja generell schon lange.“ Madsen jedenfalls steht bereit. Ende September will er loslegen. Da starten die deutschen Schwimmer in Frankfurt zum Höhentrainingslager nach Spanien. „Und noch auf dem Flughafen“, sagt der Cheftrainer, „wird Blut abgezapft.“

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