• Kritik an DLV-Präsident Digel wächst - Schänzer behauptet, der DLV sei stets informiert gewesen

Sport : Kritik an DLV-Präsident Digel wächst - Schänzer behauptet, der DLV sei stets informiert gewesen

Im Fall des unter Dopingverdachts stehenden Dieter Baumann gerät der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) ins Zwielicht. Professor Wilhelm Schänzer, Leiter des Doping- Analyselabors in Köln, bestätigte in einem Interview mit der "Die Welt", dass der Verband trotz gegenteiliger Behauptungen von DLV-Präsident Helmut Digel über die vorgenommenen Untersuchungen Bescheid wusste. "Ich verstehe Herrn Digel nicht. Denn der DLV war stets über unser Vorgehen informiert", erklärte Schänzer. Er und seine Mitarbeiter hatten auf Wunsch des 34-jährigen Baumann und in Eigenregie nach einer Quelle für zwei positive Dopingtests mit Nandrolon bei dem 5000-m-Olympiasieger gefahndet. Dabei wurde im Haus Baumanns eine mit "19-Norandrostendion", einer Vorläufersubstanz von Nandrolon, durchsetzte handelsübliche Zahnpasta (Elmex) gefunden. Digel hatte erklärt, erst am Tag der Pressekonferenz von Schänzers Nachforschungen informiert worden zu sein. Gestern schloss Digel in Braunschweig seinen Rücktritt aus. Der Verband hätte korrekt gehandelt.

Derweil forderte Rechtsanwalt David Merz, der die wegen Dopings für zwei Jahre gesperrte Marathonläuferin Uta Pippig (Berlin) vertritt, Digels Rücktritt. "Der DLV-Präsident hat schon mit seinem Rücktritt gedroht. Diesen Schritt sollte er endlich vollziehen, dieser Mann ist nicht mehr tragbar", verlangte er. Uta Pippig, bei der ein unzulässig hoher Testosteron/Epitestosteron-Quotient festgestellt worden war und die bis April 2000 gesperrt ist, habe bis heute keine Begründung für die Strafe erhalten. Beim DLV würde mit zweierlei Maß gemessen. "Das kann keiner mehr rechtfertigen, da wird nicht nur Frau Pippig wahnsinnig", meinte Merz, "bei ihr war die Sache mitnichten so klar wie bei Baumann, denn der war nach bisherigem Erkenntnisstand eindeutig gedopt, auch wenn man nun die Theorie vom großen Unbekannten verfolgt."

Merz kritisierte, dass Uta Pippig weder vom DLV noch von Schänzer Unterstützung erhalten habe und bei ihr keine entlastenden Untersuchungen durchgeführt wurden. "Dieses Angebot hat ihr keiner gemacht. Dabei hätte man es bei ihr einfach haben können, in dem man ein paar Zeugen vernimmt. Das hätte auch keine 20 000 Mark gekostet", sagte der Anwalt.

Auch DSB-Präsident Manfred von Richthofen sieht in der Dopingaffäre Baumann Handlungsbedarf. Von Richthofen will die Rolle von Dopingfahnder Schänzer überprüfen lassen und sich bei der Dienstaufsichtsbehörde des Landes Nordrhein-Westfalen erkundigen, "ob man für alles oder jedes der Privatdetektiv sein darf". Die Behörden "werden sich damit sehr intensiv zu beschäftigen haben", meinte der DSB-Präsident. Zur Baumann-Affäre sagte von Richthofen: "Diese Vorgänge schaden uns schwer." Der Läufer sei "für viele ein Vorbild gewesen". Der DSB-Chef benutzte bei dieser Formulierung ausdrücklich die Vergangenheitsform. "Aber es gibt im deutschen Sport nicht nur das Vorbild Dieter Baumann, auch nicht im Kampf gegen Doping", so von Richthofen weiter.

Schänzer, Leiter des Kölner Instituts für Biochemie, hatte im Zuge der Untersuchungen weitere Maßnahmen ergriffen, die unter anderem das Ergebnis erbrachten, dass die von Baumann verwendete Zahncreme mit Nandrolon manipuliert worden war. Nach Aussagen der Laborangestellten sei der Inhalt der Tube "unangenehm bröckelig und übelriechend" gewesen. Also nicht etwas, was man zum Zähne reinigen benutzt. Auf der Suche nach dem Unbekannten ist kein neuer Sachstand zu vermelden. "Baumanns Haus war keine abgeschlossene Klause. Etliche Leute, aber auch die andere Seite können die Zahncreme präpariert haben. Es gibt aber noch keine Hauptverdächtigen", erklärte der Leitende Oberstaatsanwalt Dr. Hans Ellinger (Tübingen).

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