Sport : Kufen auf der Kippe

Das Doppelsitzerrodeln wird gerne belächelt – dabei ist es schwerer, als alleine zu fahren

Benedikt Voigt

In neun Tagen beginnen die Olympischen Winterspiele in Turin. In unserer Serie stellen wir die ungewöhnlichsten Sportarten vor, die sich dort präsentieren werden. Heute: Doppelsitzerrodeln.

Wer unten liegt, hat Pech gehabt. Links und rechts donnert die Eiswand vorbei, unten rumpelt der Spezialschlitten, oben drückt der Partner mit dem sechsfachen seines Körpergewichts auf die Rippen. Das Schlimmste ist: Wer unten liegt, sieht nichts. Außer dem Helm des anderen. Patric Leitner sagt: „Ich würde nie unten liegen.“

Da trifft es sich gut, dass er in Alexander Resch einen Partner gefunden hat, dem das Untenliegen nicht so viel ausmacht. Gemeinsam rasen die beiden Rodler im Doppelsitzer seit Jahren durch die Eisrinnen von Erfolg zu Erfolg. Höhepunkt waren bisher die Olympischen Spiele in Salt Lake City, wo sie Olympiasieger wurden. „Wir zwei Deppen holen Gold“, staunte Leitner damals. In Turin zählen die aktuellen Weltcupgesamtsieger neben ihren Landsleuten André Florschütz und Torsten Wustlich erneut zu den Favoriten. „Wir wollen wieder eine Medaille“, sagt Leitner.

Doch seine Sportart wird gerne belächelt. Es sieht ja auch komisch aus, wenn sich zwei erwachsene Männer in hautengen Anzügen auf einem Schlitten aneinander schmiegen. Gerne wird Patric Leitner gefragt, wie eng die Beziehung zu seinem Partner sei. „Diese Frage stört mich“, sagt der freundliche Bayer. Trotzdem antwortet er geduldig: „Ich bin seit sieben Jahren mit meiner Freundin zusammen, wir werden demnächst heiraten – und sie unterstützt meinen Sport.“

Dabei ist das Doppelsitzerrodeln bei bis zu 120 Stundenkilometern schwieriger, als alleine durch die Bahn zu rutschen. „Weil der Schwerpunkt viel höher liegt, kippt der Schlitten schneller“, sagt Leitner. Zuletzt in Oberhof ist er gestürzt und hat sich eine Schulterverletzung zugezogen. Der hohe Schwierigkeitsgrad sei auch der Grund, warum es in seiner Disziplin keine Frauen gibt, sagt Leitner. „Es wäre erlaubt.“ Er wünscht sich mehr Anerkennung für seine Disziplin, die seit 1964 olympisch ist und in der seitdem nur zweimal ein Doppel siegte, das nicht aus Deutschland stammt.

Leitner steuert in der Eisrinne den Schlitten, indem er mit den Füßen gegen die vorderen Holme drückt: Will er nach links, drückt er rechts. Viel sehen muss auch der Obenliegende nicht, „wir fahren fast blind.“ Sich eine Rodelbahn neu zu erarbeiten, mache die Faszination seiner Sportart aus, sagt er. Am Schönsten findet er die Situation am Start. „Da hat man jedesmal wieder ein mulmiges Gefühl im Magen“, sagt Leitner, „das ist ein super Adrenalin-Kick.“

Olympia-Favoriten : Leitner/Resch, Florschütz/Wustlich (beide Deutschland), Oberstolz/Gruber (Italien).

0 Kommentare

Neuester Kommentar