Sport : Länderspiel Frankreich - Deutschland: Beim Weltmeister in die Lehre

Michael Rosentritt

Ein bisschen muss sich Rudi Völler vorgekommen sein wie Erich Ribbeck. Wie einst sein Vorgänger spürte der Teamchef der Fußball-Nationalmannschaft die Machtlosigkeit des Trainers. Wenn auch nicht von allen guten Geistern, dann aber zumindest verlassen von der Aussicht auf Erfolg, präsentierte sich Völlers Team. Ohne dem Gegner auch nur ansatzweise gefährlich werden zu können, wurde es am späten Dienstagabend im Pariser Vorort St. Denis gedemütigt. 80 000 Menschen im Stade de France und gut zehn Millionen Deutsche an den Fernsehschirmen erlebten, wie aussichtslos das biedere Tun blieb beim 0:1 gegen den Welt- und Europameister.

Erinnerungen an das grausame Gekicke der Deutschen in Amsterdam gegen Holland vor einem Jahr wurden wach. Damals wie vorgestern hatte die hoch überlegene Gegnerschaft davon abgesehen, die Kluft auch in Toren auszudrücken. Die Franzosen beherrschten mit halber Kraft und hoher Kunst das Team von Völler. Wenn sie mal den Deutschen den Ball überließen, dann nur, um zu sehen, was die alles nicht mehr können. Und das ist viel. Die Franzosen müssen sich zwischenzeitlich köstlich amüsiert haben, etwa als sich ihr kahlköpfiger Torwart Fabien Barthez ein Späßchen mit dem hüftsteifen Carsten Jancker erlaubte und ihn im Fünf-Meter-Raum lässig umkurvte - natürlich mit dem Ball am Fuß. "Wir haben heute den Unterschied zwischen einer Durchschnitts- und einer Weltklassemannschaft gesehen", sagte Jens Jeremies, dem Völler wenigstens noch den Mut attestierte, in Zweikämpfe gegangen zu sein. "Unsere Möglichkeiten sind zu begrenzt, um Frankreich ernsthaft zu gefährden", sagte Jeremies und verschwand.

Dem Teamchef hatte es nach der Demonstration von St. Denis beinahe die Stimme verschlagen. "Mir war ja vorher klar, dass uns in Bezug auf die Franzosen einiges fehlt", flüsterte Völler, "zu Beckenbauers Zeiten, oder zu meinen, sahen die Franzosen schon eleganter aus, aber dass es so deutlich ist ... " Völler beendete diesen Satz nicht, sondern kramte nach Ursachen: "Wir waren zu ängstlich. Ich habe mir etwas mehr Risiko gewünscht. Denn zwei, drei halbe Torchancen sind einfach zu wenig. Das Einzige, was wir konnten, war lernen."

Mehmet Scholl gelang gegen Mitternacht die kreativste Umschreibung des Desasters: "Da stehst du auf dem Platz und egal, wo du hinläufst: Es ist kein Durchkommen", sagte der Münchner. "Die franzosen sind schnell, sie sind stark, und sie können alle mit dem Ball umgehen." Scholl vermied, es nach Ausreden zu suchen. Er hätte auch keine gefunden. "Vielleicht sah es von außen schlimm aus, was wir da taten, aber glauben Sie mir, ich habe noch nie ein Spiel erlebt, wo das so war. Ich weiß nicht, welchen Laufweg ich hätte nehmen sollen, wann ich hätte früher oder anders flanken sollen. Ich konnte nichts ausrichten." Carsten Ramelow sekundierte Scholl: "Wo auch immer der Ball ist, da schaffen sie Überzahl." Noch einmal Scholl: "Von ihnen müssen wir lernen, wie man im Raum steht. Sollte uns das gelingen, wären wir einen Schritt weiter."

Scholl, aber vor allem Michael Ballack wurde drastisch gezeigt, wie limitiert ihr Können ist. Im Vergleich zu Frankreichs Nummer 10, Zinedine Zidane, blieb Leverkusens Spielgestalter pomadig, umständlich, ja fast schon unanständig. Lustlos spulte der 24-Jährige sein Pensum herunter. Das 0:1 hatte er mit einem katastrophalen Fehlpass eingeleitet. Ballack möchte gern die deutsche 10 sein, er trägt die 8, und er hätte eine 6 verdient. "Bei allem Talent muss auch ein eher feiner Spieler wie Ballack auf diesem Niveau richtig dagegenhalten", sagte Völler und kritisierte den jungen Mann, der vor wenigen Monaten beim 1:0-Sieg über England im Wembleystadion so spielbestimmend aufgetreten war. "Michael hat ja auch große Träume, will irgendwann mal hinaus in die Welt. Aber da wird er noch hart an sich arbeiten müssen", sagte Völler.

Auch Oliver Kahn stimmte das Spiel nachdenklich. "Sie haben eine unglaubliche Qualität und Quantität an Spielern. Mit welchem Selbstvertrauen sie über den Rasen gehen", sagte Kahn. Dass der Torwart von allen Deutschen am häufigsten angespielt wurde, sagt alles über deren Durchschlagskraft aus. "Ich weiß aber, dass man bei einem Turnier auch so eine Mannschaft schlagen kann. Das passiert dann, wenn man im Kopf die Überzeugung hat, dass man eine solche Mannschaft schlagen kann."

Frankreichs Trainer Roger Lemerre hätte für die Spieler, die er im zweiten Abschnitt vom Feld nahm, eigentlich keinen Ersatz bringen müssen. Selbst gegen zehn, neun oder auch acht Franzosen hätten die Deutschen nichts ausrichten können.

Deutschlands Kapitän Oliver Bierhoff, der erst spät ins Spiel kam, fiel allein durch drei Abseitsstellungen auf. Später war der formschwache Stürmer zu der Erkenntnis gekommen: "Die haben hier nicht mal ihr Maximum gezeigt." Nur steht zu befürchten, dass die Deutschen genau das taten. Auch wenn sich Mehmet Scholl mit folgender Bemerkung in die Dunkelheit verabschiedete: "Vor einem Jahr hätten wir hier nicht 0:1 verloren, da hätten wir anders verloren."

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