Länderspielserie : Platz 8: … und aus Kahn wurde ein Mensch

Im WM-Finale 2002 war Deutschland drauf und dran Favorit Brasilien zu bezwingen – doch es war der Titan, der stürzte.

Oliver Kahn
Eine der schwersten Stunden für Torhüter Oliver Kahn. -Foto: dpa

Am 5. April jährt sich zum hundertsten Mal das erste Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Bis dahin erinnern wir jeden Tag an eines der besten Spiele der DFB-Elf. Heute, unser Platz 8: Das Finale der Weltmeisterschaft 2002 gegen Brasilien.

Es ist eine Frage, die sich wohl nicht mehr beantworten lässt: Was war bei der Weltmeisterschaft 2002 die größere Überraschung – dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft überhaupt das Finale erreicht hatte? Oder dass sie in diesem Finale den großen Turnierfavoriten Brasilien zumindest an den Rand einer Niederlage spielte. Nichts aber auch gar nicht war dieser Truppe von Teamchef Rudi Völler vor der WM zugetraut worden, dieser Ansammlung vermeintlicher Rumpelfußballer. Schon das Überstehen der Vorrunde galt als nahezu unmöglich, doch dann scharwenzelte sich die Mannschaft mit viel Glück und auch ein wenig Geschick durch das Turnier und stand plötzlich im Endspiel. „Die können froh sein, dass sie überhaupt gegen uns spielen dürfen“, sagte Brasiliens linker Außenverteidiger Roberto Carlos vor dem Spiel. Das stimmt, aber am Ende konnten die Brasilianer auch froh sein, dass sie relativ unbeschadet aus diesem Spiel herausgekommen waren und nach dem 2:0 ihren fünften WM-Titel feiern konnten.

Im Finale zeigten die Deutschen die beste Leistung des gesamten Turniers – und das ohne ihren entscheidenden Mann im Mittelfeld. Michael Ballack, der sowohl im Viertel- als auch im Halbfinale das einzige Tor erzielt hatte, fehlte wegen einer Gelbsperre. „Ich möchte das Finale gern noch einmal mit Michael Ballack spielen“, hat Rudi Völler später immer wieder gesagt. Vielleicht wäre es anders ausgegangen. Aber auch ohne ihn hielten die Deutschen lange mit. „Wir waren gleich gut“, sagte Torsten Frings, der bei dieser Weltmeisterschaft zur Stammkraft der Nationalmannschaft aufgestiegen war. 13:3 Ecken und 56:44 Prozent Ballbesitz wies die Statistik am Ende zu Gunsten der Deutschen aus. Der Außenseiter übte vor allem im Mittelfeld eine nicht für möglich gehaltene Hoheit aus – und hatte sogar die Möglichkeit, in Führung zu gehen. Kurz nach der Pause lenkte Brasiliens Torhüter Marcos einen von Oliver Neuville getretenen Freistoß an den Pfosten.

„Mehr als eine Stunde lang hatte die deutsche Mannschaft den Südamerikanern einen großen Kampf geliefert und sogar spielerisch glänzen können“, schrieb der Tagesspiegel. Dann aber kam die 67. Minute. Dietmar Hamann, der ein überragendes Turnier gespielt hatte, vertändelte im defensiven Mittelfeld den Ball, Rivaldo schoss, Oliver Kahn ließ den Ball von seiner Brust abspringen – und Ronaldo erzielte das vorentscheidende 1:0. Nur dank Kahn, der in fünf der sechs bisherigen WM-Spiele unbezwungen geblieben war, standen die Deutschen überhaupt im Finale. Nun wurde er zur tragischen Figur. Man könnte auch sagen: Der Titan nahm wieder menschliche Züge an. „Einen einzigen Fehler habe ich in sieben Spielen gemacht“, sagte Kahn, der nach dem Schlusspfiff minutenlang an den Pfosten gelehnt auf dem nassen Rasen saß, „und der wurde bitter, bitter bestraft.“

Es war die Weltmeisterschaft des Oliver Kahn, und es war auch das Finale des Oliver Kahn.

30. Juni 2002, WM-Finale in Yokohama, Deutschland – Brasilien 0:2 (0:0). Zuschauer: 69.029. Tore: 0:1 Ronaldo (67.), 0:2 Ronaldo (79.).

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