Sport : Lauf mit dem Leben

Viele Marathonläufer ersetzen Training durch Doping – ein fataler Schritt

Frank Bachner

Berlin - Er kennt die Todesursachen nicht, in den Zeitungen hat Jörg Börjesson darüber nichts gefunden. Er hatte nur gelesen, dass es zwei Tote gab beim Ruhr-Marathon am 13. Mai. Einer war Skater, der andere Läufer, 66 Jahre alt. Und Börjessonr wusste, dass sie nicht zu denen gehörten, die ihn angerufen hatten. Zu diesen 80 Hobby-Läufern, die sich vor dem Marathon gemeldet hatten. Der älteste, der angerufen hatte, war 56.

Die Todesfälle haben ihn erschreckt. Nicht weil sie passierten; Todesfälle gehören zum Marathon, das ist schlimm, aber nichts Neues. Es gibt Läufer, die trainieren hart, aber nicht hart genug. Sie überschätzen sich, dann kann es zum Herzstillstand kommen. Börjesson war erschreckt, weil immer die Gefahr besteht, dass ihn einer der Betroffenen vor einem Marathon angerufen hatte. Denn es gibt auch Läufer, die trainieren gar nicht und überschätzen sich. Solche Leute melden sich bei Jörg Börjesson. Sie riefen vor dem Ruhr-Marathon an, sie werden sich auch vor dem Lauf in Berlin wieder melden. Denn Börjesson soll Tipps geben: Wie dopt man ohne Nebenwirkungen? Wie dopt man, dass man überhaupt einen Marathon durchhält, ohne großes Training?

Eine perverse Logik treibt die Leute zu Börjesson. Denn er, der Ex-Bodybuilder, hatte selber Anabolika geschluckt, bis ihm Brüste wuchsen. Erst dann hörte er auf, seither predigt er Anti-Dopingkampf. Ein Experte also, einer, der sagen kann, welche Dosierungen zu hoch sind. So denken die Leute, die anrufen.

So dachte dieser 52-Jährige zum Beispiel. „Ein früherer Kreisliga-Fußballer“, sagt Börjesson. „Damals hätte er viele Muskeln gehabt.“ Damals. Jetzt wiegt er 107 Kilogramm, jetzt wollte er Muskeln mit Anabolika aufbauen. „Der wollte Marathon laufen weil sein Sohn auch lief“, sagt Börjesson. Aber der Vater hatte auch die Geschichte mit Börjessons Brüsten gelesen. Groß wie Frauen-Brüste, gemästet durch Anabolika. Sie mussten wegoperiert werden. „Ich möchte nicht noch mehr Brüste, ich habe schon welche“, sagte der 52-Jährige. Seine Frau rebelliere schon. Ein Trainer in einem Fitnessstudio habe ihm erklärt, eine einzige Doping-Kur sei ungefährlich. „Stimmt das?“ Börjesson sagt: „Der redete über Anabolika wie über Hustensaft.“

Also erzählte er ihm über Herzmuskelprobleme, über Leberschäden, über Krebsrisiko, über die Schäden, die auch bei einer Kur auftreten können. Er redete ruhig wie immer, er klagt nie an. „Ich möchte ja überzeugen, da nützt es nichts, aggressiv zu werden.“ Er kennt die Leute doch. Untrainiert, übergewichtig, vom Ehrgeiz zerfressen. „Sie suchen die pharmakologische Abkürzung“, sagt Böjersson. Also sagt er, wohin sie führt, die Abkürzung. Notfalls zum Tod auf der Strecke.

Er hatte diese untrainierte 19-Jährige am Telefon. Sie hatte mit ihrem Vater gewettet, dass sie einen Marathon gewinnen werde, bevor sie 20 ist. Eine irrsinnige Idee. Und jetzt hatte sie Angst. Sie hatte schon Anabolika geschluckt, jetzt wuchs ihr ein strammer Damenbart. „Sie wollte wissen, ob das vom Doping kommen konnte.“ Natürlich konnte das vom Doping kommen. Und dann, sagt Börjesson, „fragte sie, ob es Dopingmittel ohne Nebenschäden gibt.“ Gibt es nicht. „Sobald man sich mit dem Teufelzeug einlässt, ist es ein Tanz auf der Rasierklinge“, sagt Börjesson.

Irgendwann, sagt Börjesson, klang die 19-Jährige „verschreckt und nachdenklich“. Diesmal, vor dem Ruhr-Marathon, registrierte er diese Reaktion häufig. Das war neu, jedenfalls in diesem Ausmaß. „Es gab fast keinen, der nicht verunsichert klang.“ Oft genug hatte er diese Selbstsicheren und Lässigen, die sich von ihm nicht beeindrucken lassen.

Einen dieser Typen erzählte ihm jetzt stolz, wie er Rezepte für Dopingmittel fälsche. „Er lud Blanko-Musterrezepte aus dem Internet“, sagt Börjesson. „Dann trug er Dopingmittel ein und fälschte die Unterschrift.“ Wieso ihm denn Brüste gewachsen seien, wollte er von Börjesson wissen. „Das geht doch nur, weil sie hoch dosiert haben.“ Da erzählte ihm der Ex-Bodybuilder, dass seine Mengen noch harmlos gewesen seien gegenüber den Dosen der Gegner. Und als er noch vom Krebsrisiko erzählte und vom möglichen Verlust der Zeugungsfähigkeit, da wurde der Andere merklich stiller.

Auch der 52-jährige Ex-Fußballer klang überaus nachdenklich nach dem Gespräch. „Ich werde bald mit meinem Fitnesstrainer sprechen“, sagte er. „Der hat die Probleme sehr verharmlost.“ Börjesson kann sich den Grund dafür durchaus denken, er kennt doch die Szene. „Dieser Typ will vermutlich einfach selber Stoff verkaufen.“

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