Sport : Laufen lassen

Die Leistungen von Hertha BSC sind extrem stimmungsabhängig – im Moment ist die Stimmung gut

Stefan Hermanns

Berlin - Mitte der zweiten Halbzeit erschien das Gesicht von Dieter Hoeneß in Großaufnahme auf den beiden Videowänden im Olympiastadion. Der Manager von Hertha BSC lachte und feixte, das Publikum jubelte, diesmal ausnahmsweise nicht, weil der Fußball-Bundesligist ein Tor gegen Borussia Mönchengladbach geschossen hatte. Den Zuschauern war gerade mitgeteilt worden, dass die Leichtathletik-WM 2009 in Berlin ausgetragen wird. Aber vermutlich hätte an diesem Nachmittag selbst die Aufforderung an einen Falschparker, sein Auto umzustellen, allgemeine Heiterkeit ausgelöst. Berlin hatte gute Laune.

„Das war eine Woche wie gemalt für Berlin“, sagte Dieter Hoeneß. Er selbst hatte zunächst den Vertrag mit Arne Friedrich verlängert, dann kam die Nachricht, dass Jürgen Klinsmann Berlin zum Hauptquartier der deutschen Nationalmannschaft während WM 2006 erkoren hat, und zum guten Schluss besiegte Hertha BSC Borussia Mönchengladbach 6:0 und beendete damit das Gerede um die grassierende Heimschwäche. „Das war eine Art Befreiung für die Mannschaft“, sagte Hoeneß.

Offenbar braucht Hertha diese Glücksmomente. In der ganzen Liga gibt es wohl keine andere Mannschaft, deren Leistungen derart stimmungsabhängig sind. „Im Moment haben wir einen Lauf“, sagte Hoeneß. Kein Verein hat in dieser Saison seltener verloren, nur Tabellenführer Bayern München kommt ebenso wie Hertha auf erst drei Niederlagen. Seit sechs Spielen sind die Berliner ungeschlagen, und in diesen fünf Wochen holten sie 14 Punkte und schossen 17 Tore. Das sind mehr als in der kompletten Hinrunde des Vorjahres (13 Punkte, 15 Tore).

Das Spiel gegen Mönchengladbach wirkte wie eine Kurzversion dieser manisch-depressiven Saison. In der ersten Hälfte quälte sich Hertha gegen einen Gegner, der sich taktisch clever verteidigte und den Berlinern mit der Lust am Zweikämpfen den Spaß am Spiel raubte. So ist es ihnen in den Heimspielen meistens ergangen. Bis zum 1:0 schoss Hertha nur ein einziges Mal auf das Tor der Gladbacher. Erst nach dem 2:0, mit der Entscheidung also, traten die Berliner so auf wie zuletzt in ihren erfolgreichen Auswärtsspielen. „Der Spaß kam da sicher nicht zu kurz“, sagte Herthas Trainer Falko Götz. Die Gladbacher verweigerten fortan jegliche Defensivarbeit, Hertha nutzte den neuen Raum in der Offensive und erzielte Tor um Tor. „Da sind die Dämme gebrochen“, sagte Hoeneß. „Auf beiden Seiten.“

Torhüter Christian Fiedler hat das Phänomen so erklärt: „Wenn wir einen Lauf haben, spielen wir uns in einen Rausch rein.“ Das ist so etwas wie das erste Herthasche Axiom: Wenn es gut läuft, läuft es gut. Verlässliche Aussagen über den weiteren Verlauf dieser Saison sind daher nur bedingt zu treffen: Denn was passiert, wenn es mal nicht gut läuft? Am Samstag zum Beispiel, im letzten Spiel vor der Winterpause, trifft Hertha auf Hannover 96, eine Mannschaft, die es bis zur Perfektion beherrscht, das Spiel ihres Gegners zu paralysieren.

Durch die jüngsten Erfolge hat sich Hertha in der Tabelle immerhin schon auf Platz sieben geschlichen. Der Abstand zu den Uefa-Cup-Rängen beträgt nur noch zwei Punkte, bis zu den Champions-League-Plätzen sind es fünf. „Im Moment geht der Blick natürlich nach oben“, sagte Dieter Hoeneß. „Es wäre falsch, jetzt nach unten zu schauen.“ Warum auch sollte jemand die Euphorie bremsen, wenn sich doch herausgestellt hat, dass Euphorie bei Hertha zurzeit leistungsfördernd wirkt?

Dass Herthas Manager sich wie in der vergangenen Saison nun verstärkt zu einer Revision des Saisonziels gedrängt sieht, ist ein eher luxuriöses Problem. Vor einem Jahr wollte die Mannschaft in die Champions League und landete in der Abstiegszone; diesmal haben die Berliner vor Saisonbeginn einen einstelligen Tabellenplatz angestrebt. An dieser Vorgabe soll sich zunächst nichts ändern. „Das werden wir ganz bewusst nicht tun“, sagte Hoeneß. „Wenn wir acht Spieltage vor Schluss in einer Situation sind, in der wir richtig angreifen können, dann können Sie mich noch einmal fragen.“ Für manchen Spieler darf es ruhig etwas schneller gehen. „Lass uns nächste Woche gewinnen“, sagte Pal Dardai, „dann können wir ein bisschen träumen.“

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