Sport : Lautlos in die Krise

Stevens und Hoeneß halten Herthas Interna unter dem Deckel – ihren Arbeitsstil auch

André Görke

Berlin. Ein typischer Vormittag im Arbeitsleben des Dieter Hoeneß könnte ungefähr so beginnen: Der Manager von Hertha BSC kommt ins Büro, schaltet den Computer an, und schon flimmern Livebilder vom Training über den Bildschirm. Der Fußball-Bundesligist hat nämlich eine Videokamera auf dem Trainingsplatz installiert, eigentlich für eine Live-Übertragung im Internet, aber die Kamera gehorcht auch den Kommandos von Dieter Hoeneß. Denn der hat so einen Joystick auf seinem Schreibtisch stehen. Von dort aus kann er sie alle beobachten, die kickenden und anleitenden Angestellten. Zum Beispiel Trainer Huub Stevens, den Hoeneß bei seiner Vorstellung im vergangenen Jahr einmal „unsere spektakulärste Neuverpflichtung“ nannte. Vertraut er ihm jetzt nicht mehr?

„Think positiv“, sagt Hoeneß gern. Natürlich spioniert der Manager nicht. Das ist schon daran zu erkennen, dass sich die Kamera nicht bewegt, und auf die achten alle in diesen Tagen, in denen es Hertha nicht gut geht.

Ohnehin sieht es so aus, als sei das Vertrauen des Managers in den Trainer größer als noch vor zwei Jahren, als noch Jürgen Röber das Sagen hatte. Da stieg Hoeneß oft in seinen Mercedes und fuhr am Trainingsgelände vorbei. Hoeneß mag Röber. Beide haben früher gemeinsam für Bayern München gespielt, dann in Stuttgart gearbeitet und später Hertha aus der zweiten Liga in den Europapokal geführt. Aber Röber war für Überraschungen gut, er hat Spieler öffentlich und emotional kritisiert, und solche Überraschungen mag Hoeneß nicht.

Stevens überrascht nicht, deshalb passt er zu Hertha, besser: zu Dieter Hoeneß. Beide arbeiten hart und akribisch. Und für sie gilt: „Je weniger etwas wissen, desto eher kommt der Erfolg.“ Deshalb ist es so ruhig geworden bei Hertha BSC. Früher hat Robert Schwan, der mittlerweile verstorbene Vorsitzende des Aufsichtsrates, gezickt, dann mal der damalige Präsident Manfred Zemaitat, mal ein Spieler, mal Trainer Röber. Heute? Schweigen. Das liegt auch an der Machtstellung, die Hoeneß mittlerweile hat. Früher war er als Manager formal dem Klubpräsidenten untergeordnet. Seit der Umwandlung der Lizenzspielerabteilung in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien führt Hoeneß den Titel „Vorsitzender der Geschäftsführung“. Das sagt erst mal wenig und bedeutet doch viel: Dieter Hoeneß ist Hertha BSC. Ohne ihn läuft nichts. Nur wenn er Vertrauen hat, verzichtet er auf einen Teil seiner Macht. Um den sportlichen Bereich kümmert sich deshalb der Trainer, Hoeneß mischt sich da – zumindest öffentlich – nicht ein. Bis heute hält sich aber eines dieser Gerüchte, der Manager habe dem früheren Trainer Röber einmal in der Halbzeitpause die Auswechslung des Brasilianers Alves untersagt.

Röbers Nachfolger Stevens sagt, dass er sich täglich mit Hoeneß austausche. Was da genau besprochen wird, sagt Stevens nicht. „Das ist intern.“ Am Spielfeldrand will Stevens jedenfalls seine Ruhe haben. Da muss der Manager auf der Ersatzbank sitzen, drei Meter hinter dem Trainer. Bei Stevens’ vorherigem Arbeitgeber Schalke 04 war das anders. Da saß Manager Rudi Assauer neben dem Trainer und hat geredet und gequalmt. Und doch hatte Stevens dort seine erfolgreichste Zeit, 1997 hat er mit Schalke den Uefa-Cup geholt, 2001 und 2002 den DFB-Pokal. Seit dem 1. Juli 2002 arbeitet er in Berlin mit dem strategischen Auftrag, Hertha fit zu machen für die Champions League. Hoeneß will mit Stevens „die ersten drei der Liga angreifen“ und „langfristig zu den Top 20 Europas gehören“.

Auf dem Weg dorthin weisen die Fakten bescheidene Erfolge aus. In der vergangenen Saison lief es nicht sonderlich gut, jetzt steckt Hertha schon wieder tief drin in der Krise. In der Bundesliga stehen die Berliner auf Platz 16. Die Kritik am Trainer wird lauter. „Stevens raus!“ rufen die Fans. Hoeneß sagt, er habe trotzdem „uneingeschränktes Vertrauen“ in den Trainer, „weil ich sehe, dass er die Spieler erreicht“. Woher er das weiß? „Ich weiß es eben.“ Hoeneß lächelt dann und freut sich, dass so wenig an die Öffentlichkeit gelangt.

Stevens hat seine Spieler noch nie öffentlich kritisiert. Nicht bei Schalke, nicht in Berlin, obwohl die Fans das geradezu fordern. Der hoch gelobte Zugang Niko Kovac etwa steht völlig neben sich, auch Marko Rehmer, und die Stürmer, allen voran Nationalspieler Fredi Bobic, haben in den ersten vier Spielen kein einziges Tor geschossen. Doch Stevens stellt sich vor das Team. Kritik ja, „aber keine Namen!“ Also schluckt er die ganze Kritik, aber er spuckt sie nicht aus wie Rudi Völler. Stevens hat sich unter Kontrolle, bis auf die Zeit rund um ein Spiel, da blafft er schon mal los.

Nur einmal in seinen nun 15 Monaten in Berlin hat er sich einen Auftritt erlaubt, von dem sogar Dieter Hoeneß etwas überrascht war. Das war im März, als Herthas Brasilianer Marcelinho bis in die Morgenstunden feierte, obwohl die Mannschaft Stunden zuvor in Hamburg ein wichtiges Spiel verloren hatte. Da schimpfte Stevens, und Hoeneß saß irritiert daneben.

Ansonsten gilt das Prinzip der Arbeits- und Kompetenzteilung. Hoeneß vertraut seinem Trainer. Deshalb fährt er nicht, wie früher bei Röber, in seinem Mercedes am Trainingsplatz vorbei. Und auch der Joystick bleibt unangetastet. Noch.

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