Sport : Leben sichtbar machen

Warum deutsche Autoren Fußball gegen Israel spielen

Ralf Bönt

Die deutsche Autoren-Nationalmannschaft spielt am Dienstag in Berlin gegen israelische Autoren (14 Uhr, Hertha-Amateurstadion, Olympiapark), abends lesen bekannte Schriftsteller beider Länder im Beisein von Außenminister Frank-Walter Steinmeier und DFB-Präsident Theo Zwanziger (19.30 Uhr, Deutsches Theater). Der Berliner Schriftsteller und Hobbykicker Ralf Bönt schreibt hier, wie Fußball seinen Blick auf die Welt verändert hat.

Seit wir Fußball spielen, sind wir bessere Menschen geworden. Vom Training kamen wir schon immer weniger besoffen nach Hause als von jeder Lesung. Mittlerweile trinken wir nur noch Apfelschorle, um Muskelfaserrisse zu vermeiden. Im Alltag sind wir agiler, ausgeglichener und spontaner geworden, ja, auch im Bett. Das macht die Durchblutung.

Oft fahren wir zu Auswärtsspielen. Dann teilen wir die Zimmer und reden über die Bedeutung des Sports in den internationalen Beziehungen: Sport war nie unschuldig. Wir leben intensiver, komplexer, aufregender, ehrlicher als ohne Fußball, ja, nichts ist ehrlicher als Sex und der Fußball.

Fußball ist eine Kunst: Sie macht das Leben sichtbar. Was immer auf dem Spielfeld geschieht und wie immer es von außen bewertet wird, es stimmt. Fußball macht Menschen lesbar. Schreiben können wir nur noch in der Nacht, denn tagsüber trainieren wir und achten auf die Ernährung. Nun schreiben wir mehr und besser als vorher. Verloren haben wir zuletzt in Riad. Das lag am Wüstensand, den wir noch Tage später husteten, und es war diplomatisch willkommen. Dass bei unserem Spiel erstmals Frauen ins Stadion durften, war mehr als erwartet.

Nach einer Debatte um Fußball als Weltsprache habe ich in Israel nach Kontakten gesucht, denn dort war ich nicht mehr, seit ich vor mehr als zwanzig Jahren am Busbahnhof in Haifa aus Versehen Bombenalarm ausgelöst habe. Es hatte damals Tage gedauert, bis ich das überhaupt verstand, denn aufgeregt hat sich niemand im Bus. Als ich es endlich verstanden hatte, setzte sich das Rad der Imagination in Bewegung, das an der Zeitachse entlang fährt und mir erklärt, warum heute so ist, was sich mein Leben nennt. Ich begann Deutschland zu verstehen.

In der deutschen Literatur gibt es kaum jüdische Charaktere, hat Amos Oz festgestellt. Und sind wir tatsächlich nicht auf dem besten Weg, nichts mehr voneinander zu wissen? Von Israel zu wissen tut weh. Dasselbe gilt für Deutschland. Wegschauen könnte immer leichter werden. Eine Writers’ League musste her, die den Namen verdient.

Ich musste nicht lange suchen – der Fußball hat uns dabei geholfen. Der Romancier Assaf Gavron hatte so schnell ein Team auf die Beine gestellt und mit dem Training begonnen, dass ich auf deutscher Seite mit der Planung eines Duells kaum hinterher kam. Ob es auf dem Platz auch so sein wird? Die Israelis haben mit Schreiben erstmal ganz aufgehört, denn ihre Träume werden nun vom Sieg gegen deutsche Dichter beherrscht. Sie halten uns, genau wie die Saudis, für Konditionsmaschinen. Gestern fragten sie an, ob Tacklings erlaubt und Sportverletzungen versichert seien. Ich hoffe sehr, sie haben sich neben den vielen Kommentaren ihres Sieges auch was für den sehr wahrscheinlicheren Fall der Niederlage vorformuliert.

Nach dem Spiel treffen wir uns im Theater, und da wird es ernst. Nachum Patchenik etwa wird erklären, wie schwierig es für ihn war, die Einladung anzunehmen, denn seine Mutter wurde in Theresienstadt interniert. Unsere Einladung empörte ihn. Nun kommt er.

Es stimmt: Fußball macht das Leben sichtbar.

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