• Lebensgefahr Wintersport: Wenn das schlechte Gewissen für Sicherheit zuständig ist

Sport : Lebensgefahr Wintersport: Wenn das schlechte Gewissen für Sicherheit zuständig ist

Frank Bachner,Benedikt Voigt

Als Andreas Schifferer mit einem Salto auf die beinharte Piste knallte, waren schon die Bänder in einem seiner Knie gerissen. Mit einem Kreuzband- und Seitenbandriss und einem kaputten Meniskus blieb der Österreicher vor ein paar Tagen auf dem Kurs von Les Arcs liegen. Schifferer hatte bei dem Weltcup-Riesenslalom an einem Tor einen Belastungsfehler gemacht, konnte dann den enormen Druck, der in der Kurve auf ihm lastete, nicht mehr halten und stürzte. Dann aber wurde es erst richtig schlimm: Der Ski griff aufgrund der Taillierung noch mal im Schnee - und Schifferer flog durch die Luft.

Auf Seite 16 ist der Media Guide der japanischen Skispringer von der Aktualität überholt worden. Dort findet sich noch immer die sportliche Biographie von Hiroja Saito, einem 30-Jährigen, der 1998 in Nagano Olympiasieger mit der japanischen Mannschaft wurde. Das Heft beschreibt ihn als exzellenten Springer mit einem enormen Kampfgeist. "Er schreckt vor keiner Herausforderung zurück, die ihm begegnen könnte", heißt es in der Broschüre. Die letzte Herausforderung, die Saito begegnete, konnte er allerdings nicht mehr meistern. Im vergangenen Jahr zerfetzte er sich bei einem Sturz im Training alle Bänder eines Knies. Das war das Ende seiner sportlichen Karriere.

Zwei Beispiele, beliebig ausgewählt aus einer Vielzahl halsbrecherischer Unfälle im Wintersport. Man wäre auch fündig geworden beim Bobsport oder im sport war immer schon eine Sache von harten Jungs und Mädels. Doch seit alle Sportarten den Fernsehgeldern hinterher hecheln und für den Sendeplatz das Programm so attraktiv wie irgendmöglich gestalten müssen, ist Wintersport nicht nur gefährlich, er ist lebensgefährlich. Es ist oft nur Glück, oder wie bei den Skifliegern der Akrobatik der Athleten zu verdanken, dass keine Todesfälle mehr zu beklagen sind, seit die Österreicherin Ulrike Maier 1994 in Garmisch-Partenkirchen verunglückte. Angesichts der heutigen Rodelbahnen hat zumindest Georg Hackl, obwohl auf dem Boulevard als furchtloser Turbo-Schorsch gefeiert, düstere Visionen, wenn er von den Todesbahnen spricht.

Oft wirken die Sicherheitsmaßnahmen nur wie ein schlechtes Gewissen. Bevor das traditionsreiche Lauberhornrennen in Wengen gestern wegen schlechter Sichtverhältnisse abgesagt wurde, bauten Pistenhelfer 800 m der riesigen so genannten A-Netze auf, dazu noch 11 Kilometer B-Netze, vier Kilometer mehr als im vergangenen Jahr, die berüchtigte Mausefalle wurde verbreitert, die Taillierung der Abfahrts-Ski wurde im gesamten Weltcup auf einen Radius von 43 m begrenzt, die Platten unter den Absätzen auf den Bindungen dürfen nicht höher sein als 55 Millimeter - alles zum besseren Schutz der Läufer. Die Sicherheit soll ernster genommen werden beim Weltverband FIS. "Die Gefahr", sagt Martin Oßwald, Cheftrainer der deutschen Skifahrer, "ist aber deshalb nicht geringer geworden." Bessere Athletik, vor allem aber die taillierten Ski haben die Gefährlichkeit von Skirennen weiter erhöht. Durch die Taillierung verlieren die Läufer in den Kurven kaum noch Tempo. "Heute", sagt Martin Oßwald, "rutscht man nicht mehr um die Kurven, heute fährt man sie." Dabei wird der Druck in den Kurven erheblich größer. Die Belastung für die Bänder steigt enorm. "Bei einem Fehler kann man nicht mehr korrigieren", sagt Oßwald. Das Problem betrifft die Slalom- und Riesenslalomfahrer genauso wie die Abfahrer. Nur ist bei denen das Risiko noch größer.

Die Kurse müssen deshalb neu gesteckt werden. "Mit der alten Kurssetzung wären die Abfahrtsstrecken heute nicht mehr zu bewältigen", sagt Max Rauffer, der derzeit beste deutsche Abfahrer, der sich vor sieben Wochen allerdings verletzte und dieser Tage sein sein Comeback plant. Der Abstand zwischen den Toren ist jetzt erheblich breiter. In Wengen, vor dem so genannten Hundschopftor, sollten die Fahrer sogar 100 m mehr zurücklegen als früher. "Sonst", erzählt der frühere deutsche Spitzenabfahrer Berni Huber, "würden die Fahrer 20 Meter weit springen und im Flachen kurz vor der Minschkante aufschlagen."

Das rettet Leben, schützt aber nicht vor Verletzungen. "Die Schienbeinverletzungen häufen sich ",sagt Oßwald, und Hubert Hoerterer, Mannschaftsarzt des deutschen Teams, erzählt von rund einem Dutzend Fällen, in denen Athleten ohne Sturz einen Kreuzbandriss erlitten - weil die Sehnen und Bänder den enormen Kräften nicht standhielten. Hinter Tempo, Rasanz und Nervenkitzel stecken die Begehrlichkeiten des Fernsehens. Statt etwa um elf Uhr zu starten, damit auch die letzten Läufer noch gute Sicht haben, geht es meist später los. Die Sender wollen es so. "Die letzten Fahrer fahren dann schon im Schatten. Das ist ein Wahnsinn. Und wenn dann einer vor dir stürzt, fährst du gegen 15 Uhr 30 runter. Da kommt dir dann alles stockduster vor. Da siehst du keine Schläge mehr", sagt Bernie Huber. Und der Sicherheitsbeauftragte? "Der sagt, er kann nichts machen. Das Fernsehen will es so." In Kitzbühel, nächsten Sonnabend, wird um 12 Uhr gestartet.

Dunkelheit ist es nicht, was den Skifliegern zu schaffen macht. Bei denen kann es eine Windböe sein, ein verpatzter Absprung, ein Fehler bei der Landung, was das Ende einer Karriere bedeuten kann. Oder schlimmer. Im vorigen Jahr starb ein Hobbyspringer an den Verletzungen, die er sich bei einem Sturz zugezogen hatte. Zwar sagt Jörg Ritzerfeld: "Extremsportarten sind viel gefährlicher als Skispringen." Der 17-jährige war in Oberstdorf gestürzt, weil seine Bindung im Sprung brach.

"Wir müssen uns daran erinnern, dass der Mensch wichtig ist, nicht nur der Athlet", betont Reinhard Heß. Der Bundestrainer hatte bei der Vierschanzentournee die Tendenz zur spektakulären Weitenjagd kritisiert. In Oberstdorf hatte die Jury den Anlauf nicht verkürzt, obwohl der Pole Adam Malysz den alten Schanzenrekord von Kristian Brenden schon um siebeneinhalb Meter überboten hatte und die vermeintlich besten Springer wie der Weltcupführende Martin Schmitt noch oben standen. "Man sollte darauf verzichten, in einen so weiten Bereich hineinzugehen", sagte Martin Schmitt. Nach dem Wettkampf.

Es ist die Aufgabe der fünfköpfigen Jury, zwischen der korrekten Durchführung eines Wettbewerbes und der Sicherheit für die Athleten abzuwägen. "Da ist man sich nicht immer sicher", gibt Heß zu. Der ehemalige Skispinger Dieter Thoma sagt über den umstrittenen Wettbewerb in Oberstdorf: "Wenn der Wind nicht gewechselt hätte, wäre alles in Ordnung gewesen." Am Ende sprangen sechs Teilnehmer weiter als der alte Schanzenrekord von 125 m. "Ich würde auch im Nachhinein keine Entscheidung ändern", sagt der Rennleiter des Internationalen Ski-Verbandes FIS, Dieter Hofer. Heß aber hofft, "dass solche Wettbewerbe nicht die Regel werden."

In seinem zweiten Versuch war Martin Schmitt bis auf 133 m gesprungen - noch weiter als Malysz. Er landete unverletzt und ließ sich als Sieger des ersten Springens feiern. Jurymitglied Torgeir Nordby (Norwegen) beschrieb später seine Gefühle bei dem Rekordsprung. "Ich hatte Puls 200."

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