Sport : Lebensgefühl: Männer hinwerfen

Judoka Bischof hat seinen Sieg akribisch vorbereitet

Benedikt Voigt

Peking - Der deutsche Judoka Michael Pinske musste am Mittwochmorgen mit seinem Trainingspartner unzufrieden sein. Übermüdet erschien dieser zum Sparring, erst um sieben Uhr morgens war er ins Bett gegangen und hatte eine nachlässige Einstellung zur Regeneration offenbart. „Schlafen kann ich auch nächstes Jahr wieder“, sagte Ole Bischof. Allerdings dürfte Michael Pinske mit der Wahl desjenigen, der sich gestern von ihm vor dem Wettkampf zum Aufwärmen auf die Matte werfen ließ, zufrieden sein: Er ist amtierender Olympiasieger. Doch selbst der prominente Sparringspartner Bischof konnte nicht verhindern, dass Pinske gestern in der Vorrunde ausschied.

Ole Bischof hatte am Dienstag eine von insgesamt vier Goldmedaillen gewonnen. Er hatte im Judo in der Gewichtsklasse bis 81 Kilogramm Gold geholt. „Ich weiß nicht, ob es so einen Tag für die deutsche Mannschaft schon einmal gegeben hat, ich hoffe, dass er Schwung und Motivation gibt“, sagte der deutsche Leistungssportdirektor Bernhard Schwank. Mit Ole Bischof konnte er nicht unbedingt rechnen, als beste Leistung konnte dieser vor Peking eine Goldmedaille bei der EM 2005 sowie einen Weltcupsieg vorweisen. Kein Wunder, dass der Judoka sich um seine Goldmedaille besonders kümmerte: „Ich habe die Medaille neben das Bett gelegt, und als ich unruhig war, habe ich kurz geguckt: Sie lag immer noch da.“

Am Mittwochmorgen saß Ole Bischof mit Kanuslalom-Sieger Alexander Grimm im Deutschen Haus. Dabei offenbarte sich Bischof als lockerer Plauderer, der 21 Jahre alte Grimm wirkte schüchtern. Was nach der Medaille passiert sei, wurden beide gefragt. Der Kanute freute sich über die Sponsoren-Geschenke, die deutsche Olympiasieger erhalten: Ein Kleinbus für den Verein, Strom, und 50 Liter Bier. Ole Bischof sagte: „Ich habe meine Freundin angerufen, und ja, sie liebt mich immer noch.“

Der Judoka hatte sich mit seinem Trainer Frank Wienecke akribisch auf die Kämpfe vorbereitet. Mit Videomaterial des Leipziger Instituts für Angewandte Trainingswissenschaft hat er jeden der 35 potenziellen Gegner analysiert. „Man passt sein eigenes Judo an den Gegner an“, erklärte Ole Bischof, „hat er einen starken Griff? Ist er am Boden schwächer? Wo kann ich ihn hinwerfen?“ Dann hätten sie Lösungsvarianten ausgearbeitet. „Anscheinend haben diese Varianten hingehauen“, sagte der Reutlinger.

Trotz des Olympiasieges wird sich für den 28-Jährigen nicht viel ändern. „Ich werde den Judo-Anzug nicht an den Nagel hängen.“ Immer noch schwärmt er von dem Sport, den er schon als Kind begonnen hatte. „Es ist ein tolles Gefühl, Mann gegen Mann zu kämpfen, den anderen hinwerfen zu können und ihn trotzdem nicht zu verletzen“, sagte Ole Bischof. „Die Sportart begeistert mich so, sie ist eine Art Lebensgefühl.“ Auch als Olympiasieger könne er noch viel dazulernen. Dann griff er nach seiner Tasche und machte sich auf in die Universität der Wissenschaften und Technologie. Dort wartete schon sein Teamkollege auf das Sparring, und Ole Bischof freute sich auch darauf. Er sagte: „Jetzt lasse ich mich mal richtig durchwerfen.“ Benedikt Voigt

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