Legendärer Bundestrainer Sepp Herberger : Von Mao lernen, heißt siegen lernen

Eine Ausstellung im DFB-Museum in Dortmund und ein Buch entdecken Sepp Herberger als frühen Konzept-Trainer.

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Quellen der Weisheit. Sepp Herberger, seine Bücher und Ehefrau Eva Mitte der 1970er Jahre im Wohnzimmer ihres Hauses im badischen Weinheim.
Quellen der Weisheit. Sepp Herberger, seine Bücher und Ehefrau Eva Mitte der 1970er Jahre im Wohnzimmer ihres Hauses im badischen...Foto: Deutsches Fußballmuseum

„Penso quindi gioco“ - „Ich denke, also spiele ich“, hat Italiens genialer Mittelfeldstratege Andrea Pirlo vor einigen Jahren seine Memoiren überschrieben. Das Motto hätte auch dem großen Sepp Herberger gefallen. Der frühere Bundestrainer der deutschen Nationalmannschaft und Vater der WM-Wunderelf von 1954 galt ja schon zu Lebzeiten als erster Fußballphilosoph – und bis heute sind seine Sprüche legendär: „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“, „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ oder „Der Ball ist rund“ und daher unberechenbar.

Was freilich kaum jemand wusste: Die Quellen solcher Weisheit entsprangen nicht nur dem schlauen Fußballverstand, sie wurden angeregt auch durch Lektüren, die von militärtheoretischen Schriften des preußischen Generals Carl von Clausewitz bis zu denen Maos reichen.

Sepp Herberger, der 1897 in Mannheim-Waldhof geborene Arbeitersohn ohne Abitur, war nämlich ein begeisterter Leser mit einer beeindruckenden Bibliothek. Jetzt hat Manuel Neukirchner, Gründungsdirektor des im Herbst 2015 in Dortmund eröffneten deutschen Fußballmuseums und selbst studierter Literaturwissenschaftler, die ganze Herberger-Bibliothek im Museum nach alten Aufnahmen originalgetreu rekonstruiert. Es sind gut 1500 Bände aus Herbergers Nachlass, davon viele von ihrem einstigen Besitzer mit Unterstreichungen und Bleistiftanmerkungen versehen. Zudem wird mit einigen antiquarischen Möbelstücken ein typisches Interieur jener Nachkriegsepoche zitiert, die man übergreifend durchaus als Adenauer-Herbergerzeit verstehen kann.

Rechtzeitig zum 120. Geburtstag und dem im April folgenden 40. Todestag des „alten Fuchses“, wie der vom Neckar stammende Weltmeistertrainer ebenso wie der rheinische Bundeskanzler genannt wurde, ist nicht allein die Ausstellung zu sehen. Wer nicht bis zum 5. November nach Dortmund fahren kann, dem ist Manuel Neukirchners informativer, schön illustrierter Begleitband „Herbergers Welt der Bücher. Die unbekannten Seiten der Trainer-Legende“ zu empfehlen (Verlag Die Werkstatt, Göttingen, 79 Seiten, 19,95 €).

Unter Herbergers Ägide begann auch ein humaner Neuanfang

Tarnen, täuschen und dann überraschend triumphieren, das klingt natürlich nach Maos berühmter Guerilla-Taktik. Tatsächlich aber hatte Herberger, der Maos „Strategie des chinesischen revolutionären Krieges“ in der Ausgabe von 1936 (!) besaß, die WM 1954 in der Schweiz auch als bewusstes Verwirrspiel geplant. Das ging los mit der halben B-Elf die er in der Vorrunde gegen den Favoriten und späteren Endspielgegner Ungarn verlieren ließ. Und am Endspielnachmittag in Bern prüfte er von Hand noch vor dem spirituell beschworenen Regen (dem „Fritz-Walter-Wetter“) die Qualität des Rasens, fast wie ein Koch, der eine Sauce abschmeckt. Man kann es hier auf einem der Fotos sehen. Und Clausewitzens „flexibles Manövrieren“ übersetzte Herberger früh schon in Formen der Raumbeherrschung an Stelle der noch meist üblichen Mann-Deckung und zog selbst einen klassischen Mittelstürmer auch mal in die Verteidigung zurück.

Rein optisch wirkt die Herberger-Ära kaum unterscheidbar vom männerbündlerischen Drill- und Drillichstil der NS- Zeit, in welcher der junge Herberger als Assistent des Reichstrainers Otto Nerz begonnen hatte. Doch Ausstellung und Buch machen nun klar, dass unter Herbergers Ägide auch ein humaner Neuanfang begann. Nicht auf Befehle, vielmehr auf psychologische Überzeugungskraft setzte der kleine große Mann mit dem unverkennbaren Mannheimer Akzent. Einer seiner Lieblingsautoren war der amerikanische Bestsellerratgeber Dale Carnegie, und Herberger notierte sich von ihm Einsichten wie die, dass „ein Tropfen Honig mehr Fliegen fängt als ein ganzer Liter Galle“. Und ebenso rührend wie erfolgreich hat sich der Bundestrainer in Briefen etwa um seinen Verteidiger Werner Kohlmeyer („Lieber Kohli“) bemüht, der beim heimischen 1. FC Kaiserslautern ausgerechnet im Jahr 1954 in eine persönliche Krise geraten war.

Anders als sein Vorgänger Otto Nerz, der einen SS-Rang besaß, war Herberger zwar NS-Parteimitglied, aber benahm sich nach außen ostentativ unpolitisch. Interessant sind dabei zwei Funde in Neukirchners Buch. 1941 war im besetzten Frankreich und zeitgleich in Berlin auch auf Deutsch ein Werk des französischen Sozialphilosophen Bertrand de Jouvenel erschienen: „Nach der Niederlage“. Jouvenel äußerte darin viel Verständnis für die deutschen Sieger und beschrieb auch, wie Hitler Frankreichs Kapitulation 1940 im selben Eisenbahnwaggon unterzeichnen ließ, in dem die Deutschen die Niederlage von 1918 quittiert hatten. Herberger merkte zu dieser Demütigung am Buchrand an: „War das fair? Handelt so ein Sportsmann?“

Das klingt fast naiv – wie zugleich anständig und richtig. Gar nicht naiv dann später, 1972, der Versuch des Altbundestrainers, anlässlich des Länderspiels gegen die Sowjetunion zur Eröffnung des Münchner Olympiastadions den DFB zu einer Würdigung des von den Nazis vertriebenen jüdischen Nationalspielers Gottfried Fuchs zu bewegen. Fuchs hatte 60 Jahre zuvor bei einem Rekordsieg gegen das noch zaristische Russland zehn Treffer erzielt. Der DFB aber hielt damals Herbergers Wunsch, an einen Verfolgten in den eigenen Reihen zu erinnern, offenbar keiner Antwort wert. Ein Befund, der über den erstaunlichen Bücherfund weiter hinausreicht.

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