Sport : Legende im Spiel

Seit Februar bildet Anna Grönefeld ein Doppel mit Martina Navratilova - und lernt viel von dem Tennisstar

Benedikt Voigt[London]

Es war Anfang Februar beim Tennisturnier in Pattaya, Thailand, als Anna-Lena Grönefeld eine seltsame E-Mail erhielt. „Ich kannte die Adresse des Absenders nicht“, erinnert sich die 20-Jährige. Trotzdem öffnete sie die Nachricht. Jemand wolle mit ihr Doppel spielen, las sie. „Unten stand der Name, Martina N.“, sagt Anna-Lena Grönefeld, „da habe ich überlegt, welche Martina N. ich auf der Tour kenne.“ Sie hatte keine Idee und fragte schließlich ihren Trainer Rafael Font de Mora. Dieser erklärte ihr: Das könne nur Martina Navratilova sein.

Anna-Lena Grönefeld sitzt in einem blauen Trainingsanzug in einem Sessel und lacht schüchtern, während sie die Geschichte erzählt. Immer noch staunt sie über die Ehre, die ihr beim diesjährigen Wimbledonturnier widerfährt. „Wenn wir auf den Platz kommen, fangen alle an zu jubeln“, wundert sich die zurückhaltende junge Frau aus Nordhorn. Am Montag konnten beide nur mühsam ihren Weg zurück in die Umkleidekabine finden, so dicht drängten sich die Autogrammsammler um sie herum. Natürlich ist ihr klar, dass das Interesse nicht ihr gilt, sondern der 48-jährigen Tennislegende an ihrer Seite. Aber Grönefeld liefert einen nicht unbedeutenden Beitrag dazu, dass die neue Partnerschaft auf dem Rasen erfolgreich ist. Heute spielen beide im Viertelfinale gegen die Russin Wera Duschewina und die Israelin Shahar Peer. „Ich bin jetzt zum ersten Mal bei einem Grand-Slam-Turnier über die dritte Runde hinausgekommen“, sagt Grönefeld, „das ist ein Erfolg, den darf man nicht zu niedrig rechnen.“

In der 32-jährigen Tenniskarriere der Martina Navratilova ist das Erreichen des Viertelfinales allerdings nur eine Fußnote. Erst der Turniersieg würde ihre vierseitige, dicht gedruckte Erfolgsstatistik im Players Guide um einen weiteren Eintrag verlängern. Mit ihrem 21. Sieg in Wimbledon hätte sie die Amerikanerin Billie Jean King überholt und wäre die erfolgreichste Spielerin in der Geschichte des Turniers. „Das hat sie mir gegenüber noch gar nicht erwähnt“, sagt Grönefeld.

Vielleicht noch so viel zum Unterschied zwischen beiden: Als Anna-Lena Grönefeld am 4. Juni 1985 auf die Welt kam, hatte Martina Navratilova das Wimbledonturnier bereits fünf Mal gewonnen. Im Einzel. Es ist, als würde sie mit ihrer Mutter spielen, die nur drei Jahre älter als Navratilova ist. „Aber über den Altersunterschied denke ich nicht nach“, sagt Grönefeld. Für sie ist ihre Doppelpartnerin eine erfahrene Tennisspielerin, von der sie auf und neben dem Platz einiges lernen kann. „Sie erzählt mir ihre Prinzipien, zum Beispiel gibt sie vor dem Match oder zwischendurch keine Interviews, um sich zu konzentrieren.“ Das wolle sie nun auch beherzigen. Offenbar haben sich zwei gefunden, die sich gut ergänzen. Hier eine Lehrerin, die bereitwillig von ihrer großen Erfahrung abgibt. Dort die Schülerin, die das begierig mitnimmt. „Anna-Lena Grönefeld ist nicht die talentierteste Spielerin“, sagt die Fed-Cup-Teamchefin Barbara Rittner, „aber sie ist unheimlich fleißig.“

Die aktuellen Erfolge im Doppel und im Mixed, in dem sie mit dem Österreicher Julian Knowle die dritte Runde erreicht hat, trösten Anna-Lena Grönefeld über ihre peinliche Erstrundenniederlage im Einzel hinweg, als sie gegen die Britin Jane O’Donoghue, die Nummer 232 der Welt, 6:1, 1:6, 4:6 verlor. „Sonst wäre ich jetzt immer noch enttäuscht.“ Nun kann die gegenwärtig beste deutsche Tennisspielerin im Doppel wieder nach vorne blicken. „Unsere Gegnerinnen im Viertelfinale sind ungesetzt, wir haben ganz gute Chancen ins Halbfinale zu kommen.“

Seit dem Beginn der Rasensaison spielt das ungleiche Paar zusammen, bis zum Ende der Saison soll das auch so bleiben. „Nach diesem Jahr will sie aufhören“, sagt Grönefeld. Das allerdings hat Navratilova schon häufiger angekündigt. Falls es ihr diesmal ernst sein sollte mit dem Karriereende, hätte ihre Doppelpartnerin noch ein Anliegen. Grönefeld sagt: „Dann frage ich sie, ob sie mir ein Autogramm gibt.“

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