Leichtathletik : Crowdfunding für den EM-Traum

6000 Euro für den Weg nach Berlin: Hürdensprinterin Djamila Böhm ist nicht die Erste, die eine alternative Sportförderung anstrebt.

Leonard Brandbeck
Das Ziel vor Augen: Leichtathletin Djamila Böhm will zur EM nach Berlin.
Das Ziel vor Augen: Leichtathletin Djamila Böhm will zur EM nach Berlin.Foto: Jan Woitas/dpa

Eine Stadionrunde, zehn Hürden – sportliche Hindernisse nimmt Djamila Böhm mit Leichtigkeit. Doch jetzt wartet auf die Deutsche Meisterin über 400 Meter Hürden ein ganz anderes Hindernis: Es geht ums Geld. Denn Djamila Böhm will zur Leichtathletik-EM 2018 nach Berlin. 6000 Euro kostet sie die Vorbereitung mit Trainingslagern und Qualifikationswettkämpfen, und die möchte sie via Crowdfunding sammeln.

Beim Crowdfunding, einer Art Schwarmfinanzierung, wird im Gegensatz zu einer regulären Spende bereits im Vorhinein eine bestimmte Zielsumme festgesetzt, die jedoch auch nur dann ausgezahlt wird, wenn das Geld innerhalb eines festen Zeitraums vollständig zusammengekommen ist. Eine Plattform dafür bietet Marthe-Victoria Lorenz. Sie hat 2012 Fairplaid.org gegründet, eine Internetplattform, die sich auf das Crowdfunding von Projekten im Sportbereich spezialisiert.

Voltigierpferde, Unterwasserhockey, Stadionumbau

Die Idee zur Gründung kam Lorenz, als sie sich im Rahmen ihrer Bachelorarbeit mit dem Thema beschäftigte. Durch ihr Engagement in Sportvereinen wusste sie, wie schwierig es gerade im Breitensport sein kann, die anfallenden Kosten zu decken. „Sponsoring ist da oft nicht das richtige Mittel, man hat den Sponsoren ja im Prinzip nichts zu bieten“, sagt Lorenz. „Es ist einfacher, mehrere zu finden, die ein bisschen geben, als einen, der viel gibt“, nach diesem Motto könne das Crowdfunding also zumindest eine gute Ergänzung sein.

Startete die Plattform 2013 noch vornehmlich mit Kampagnen aus dem Breitensport, so haben inzwischen auch zunehmend höherklassige Sportler und Vereine das Crowdfunding für sich entdeckt. Ob ein neues Voltigierpferd für den lokalen Reitverein, die WM-Teilnahme der Unterwasserhockey-Frauen oder der Stadionumbau des Fußball-Regionalligisten bei den Männern: Nach eigenen Angaben wurden bei Fairplaid bislang mehr als 500 solcher Projekte mit einer Gesamtsumme von etwa 3,5 Millionen Euro finanziert. Drei von vier Kampagnen verlaufen laut Lorenz erfolgreich; das junge Unternehmen finanziert sich selbst, indem es neun Prozent der erzielten Summe einbehält.

Auch Djamila Böhm hofft auf eine erfolgreiche Kampagne. Denn vom Deutschen Leichtathletik Verband wird die 23-Jährige nicht finanziell unterstützt, dazu fehlen ihr auch als Deutsche Meisterin bislang die Vorleistungen. Als Vollzeitstudentin mit bis zu neun Trainingseinheiten pro Woche verbleibt ihr gerade noch Zeit für einen kleinen Nebenjob. Und auch die Zuschüsse ihres Vereins, dem ART Düsseldorf, reichen nicht aus. Anreise, Unterbringung und Verpflegung kann sich Böhm bei größeren Wettkämpfen bislang kaum leisten. Gemeinsam mit ihrem Trainer Sven Timmermann entschloss sie sich deshalb für diesen Schritt. „Wenn das floppt, ist es schon blöd“, sagt sie. „Aber zu verlieren habe ich ja nichts.“

Sie ist nicht die einzige Sportlerin, die das inzwischen so sieht. „Am Anfang war Crowdfunding eher noch so ein Notnagel“, sagt Fairplaid-Gründerin Lorenz. „Inzwischen hat es sich jedoch als ernstzunehmende Alternative etabliert, gerade auch aufgrund des Marketing-Aspekts.“ Denn auch darum gehe es beim Crowdfunding: „Es bringt nicht nur Geld, sondern erzeugt auch viel Beachtung für die Person oder die Marke.“

Politik und Verbände zögern noch

Ob herkömmliche Sponsoren, Sportverbände oder die Politik das Crowdfunding-Modell nun eher als Konkurrenz oder Chance begreifen, vermag Lorenz nicht pauschal zu sagen: „Die Reaktionen sind sehr gemischt, von super positiv bis super negativ.“ Einerseits berichtet sie von Verbänden, die sehr aufgeschlossen seien und sie zu Schulungen und Seminaren einlüden, um die Möglichkeiten selbst zu nutzen; andererseits erzählt sie auch von Unsicherheit und Skepsis bis hin zu ganzen Rückabwicklungen, „weil Vorstände das Projekt verboten haben“. Vieles sei von Einzelpersonen abhängig, eine einheitliche Linie im Umgang mit Crowdfunding im Sport sei nicht zu erkennen.

Auch ein Risiko, dass sich die Politik umgekehrt aus der Sportfinanzierung zurückziehen und den Sport sich selbst überlassen könnte, sieht Lorenz eher nicht. Sie weist vielmehr auf die Möglichkeiten zur Kooperation etwa mit Kommunen hin, um ein Ko-Funding zu ermöglichen, bei dem ein Teil der Kosten öffentlich und ein Teil durch Crowdfunding finanziert wird. „Jetzt besteht die Chance für die Politik und die Verbände, mitzumachen und zu profitieren“, sagt Lorenz, „Die Sportler machen das eben einfach, wenn sie merken, dass Crowdfunding funktioniert. Es kann sich eben nicht jeder leisten, Deutschland zu vertreten.

So auch Djamila Böhm. Bis vergangenen Dienstag lief ihr Crowdfunding-Projekt eigentlich noch, doch am Sonntag zuvor hatte sie ihr Ziel schon erreicht, am Ende kamen gar über 8000 Euro für sie zusammen. 124 Leute haben sie unterstützt; sie erhalten je nach Höhe auch Prämien für die Unterstützung – das reicht etwa von der Autogrammkarte bis zur gemeinsamen Trainingssession. Die nächste Hürde auf dem Weg zum ersten Start im Nationaltrikot – die „Erfüllung eines Lebenstraums“, wie Böhm sagt – könnte also schon bald genommen sein. Was jetzt schon zu erkennen ist: Ihr Bekanntheitsgrad hat sich erhöht. „Das Nonplusultra wäre natürlich, wenn durch die Aktion auch Sponsoren auf mich aufmerksam werden würden, die mich langfristig fördern können“, sagt Djamila Böhm. Denn dann stünde bereits das nächste Ziel an: Die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

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