Leichtathletik : Wieder Leben im Sprint

Der 100-Meter-Sieg von Verena Sailer zeigt den deutschen Aufwärtstrend in den Laufdisziplinen. Bei der WM muss man mit den Läufern rechnen.

Frank Bachner[Wattenscheid]
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Nah am Wahnsinn. Verena Sailer läuft schneller als geplant. Foto: nordphotonordphoto

Bei 80 Metern wurde es richtig kritisch. „Da“, sagt Verena Sailer, „wäre ich fast hingefallen“. Sie fiel nicht, sie lief bei 100 Metern über die Ziellinie, und noch bevor sie sich freudestrahlend an den Kopf greifen konnte, hatten schon die Zuschauer im Wattenscheider Lorheide-Stadion aufgeschrieen. Die 23-Jährige hatte bei der DLV-Gala in 11,11 Sekunden gewonnen, so schnell ist eine deutsche Sprinterin seit vielen Jahren nicht mehr gelaufen, Verena Sailer von der MTG Mannheim schon gar nicht. Ihre Bestzeit stand seit den Deutschen Meisterschaften im Juli bei 11,18 Sekunden.

Da steht sie immer noch, die 11,11 Sekunden sind bei 2,6 Metern/Sekunde Rückenwind erreicht worden, zu viel, um die Zeit offiziell anzuerkennen. „Die Zeit wäre der Wahnsinn gewesen“, sagte Sailer nach dem Lauf. Sie hatte ihre Hände auf die Knie gestemmt und sagte keuchend: „Ich hoffe natürlich, dass ich jetzt bei der WM im Einzel laufen darf.“ Die WM in Berlin ist das Kernthema von Wattenscheid. Die DLV-Gala war die letzte Chance für diverse Athleten, sich für die WM zu qualifizieren. Heute wird das deutsche Team endgültig gemeldet.

Verena Sailer ist bereits nominiert – allerdings nur für die Staffel, nicht für die Einzelstrecke. Sie hätte in Wattenscheid regulär noch mal die Norm unterbieten müssen. Die Frage ist nun: Was sind irreguläre 11,11 Sekunden wert? Sie sind viel wert. Rüdiger Harksen, der für den Laufbereich zuständige Chef-Bundestrainer, sagte eine Stunde nach Sailers Sieg über 100 Meter: „Wir sollten uns ernsthaft überlegen, Verena Einzel laufen zu lassen, bei regulären Bedingungen wäre sie ja 11,17 oder 11,18 Sekunden gelaufen.“ Klar unter der Norm. Definitiv zusagen konnte er noch nichts, die Nominierung war erst gestern Abend.

Der deutsche Frauensprint lebt wieder, das hat Verena Sailer vor allem gezeigt. Ihre 11,18 Sekunden von Ulm waren keine Ausnahme. Und es gibt ja nicht bloß Verena Sailer, es gibt auch noch die Staffel. Die rannte gestern eine halbe Stunde nach Sailers Einzel-Triumph. Und sie lieferte noch ein Erfolgserlebnis, obwohl es eigentlich zu kühl war für die Sprinter; über dem Stadion in Wattenscheid hingen schon dunkle Regenwolken. Trotzdem liefen Marion Wagner, Cathleen Tschirch, Anne Möllinger und Verena Sailer 43,12 Sekunden. Damit schob sich das deutsche Quartett in der europäischen Jahresbestenliste auf den ersten Platz. Die bisherige Jahresbestzeit der deutschen Staffel stand bei 43,28 Sekunden. In der Welt waren in diesem Jahr nur zwei Staffeln noch schneller gelaufen.

Für die WM bedeutet dies, dass man mit den Deutschen rechnen muss. Grundsätzlich. Wenn sie nicht einen Wechsel verpatzen, wie beim Meeting in London Ende Juli. Dabei stürzte Wagner, die Spuren der Abschürfungen kann man heute noch sehen. Marion Wagner war bei ihrem Wechsel in Wattenscheid deshalb vorsichtig und ging nicht volles Risiko. „Mir hatte nach London noch die Sicherheit gefehlt“, sagte sie. Und trotzdem lief die deutsche Staffel diese 43,12 Sekunden. Ein Zeichen dafür, wie stark dieses Quartett derzeit ist. Im Bundesleistungszentrum Kienbaum werden die Wechsel jetzt noch einmal geübt. „Wir sind alle gut drauf, ich denke, die Staffel wird in Berlin etwas zeigen“, sagte Verena Sailer.

Sie hatte in Wattenscheid eigentlich nur ein Problem. Eine Dopingkontrolleurin hatte sie nach dem Einzelrennen abgepasst und wollte sie sofort mit zum Test nehmen. Da blickte Verena Sailer fassungslos. „Aber, Moment, ich habe doch in einer halben Stunde noch die Staffel, ich kann jetzt noch nicht.“ Das sah die Kontrolleurin nach kurzem Zögern ein. Aber direkt nach der Staffel musste Sailer mitgehen.

Ob die Sprinterin noch die große Abschluss-Show im Stadion miterlebt hat, ist nicht bekannt. Wenn nicht, dann hat sie etwas verpasst. Die deutschen WM-Starter wurden mit ohrenbetäubenden, wilden Trommelschlägen und einem meterbreiten Konfettiregen nach Berlin verabschiedet.

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