Leichtathletik-WM : Auf den Millimeter kommt es an

Frank Hamm ist oberster Wettkampfleiter bei der Leichtathletik-WM. Für das Sportfest hat er etliche Innovationen erfunden.

Eva Kalwa
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Sandspiele. Im Olympiastadion wurden gestern die Maßstab-Markierungen für die Weitsprunganlage angebracht. Rundherum ist Sand...

BerlinMan muss schon genau hinblicken, um etwas zu entdecken – und gerade das ist neu. Der Ausdruck „Käfig“ für den Bereich, in dem der Diskuswerfer sich dreht und sein Gerät nach vorne in die Luft schleudert, scheint für die Leichtathletik-WM überholt. Denn der hauchdünne, schwarze Edelstahldraht ist anders als die üblichen Nylonnetze auf einige Meter mit dem bloßen Auge kaum mehr zu erkennen. Das ist angenehm für die Zuschauer und auch attraktiver für die Fernsehbilder, die rund 90 Kameras vom 15. bis 23. August aus dem Olympiastadion in alle Welt übertragen werden.

Die Innovation beim Diskuswurf geht wie vieles andere auf das Konto von Frank Hamm, dem obersten Wettkampfleiter bei der WM. „Oft haben wir am Equipment nur kleine Änderungen vorgenommen, die aber eine große Wirkung erzielen“, sagt Hamm. Als der 40-Jährige vor drei Jahren erfahren hat, dass er in Berlin für die gesamte Sporttechnik verantwortlich sein wird, ist er zur letzten WM nach Osaka geflogen und hat dort jedes Wettkampfdetail genau studiert. Nun ist der Ehrenamtler im Olympiastadion für rund 700 Mitarbeiter und Sportausrüstung im Wert von rund 500 000 Euro verantwortlich, die nach der WM zum Verkauf stehen wird. Ob die Stadt Berlin hier für Schulen oder Vereine zugreifen wird, ist noch nicht bekannt.

Hamms oberstes Ziel ist, die Sichtbarkeit der einzelnen Wettkämpfe für Zuschauer und Fernsehkameras zu verbessern. Daher sind auch Schirme, ob gegen Sonne oder Regen, im Olympiastadion nicht mehr zu sehen: Die neuen, weichen und großzügig gebauten Sitzbänke für die Athleten sind genauso mit einem durchsichtigen Glasdach mit UV-Filter ausgestattet wie die horizontalen Ablagevorrichtungen für die Speere oder die Stäbe für den Stabhochsprung. Selbst das Gefäß, in dem sich das weiße Magnesiumpulver für die Kugelstoßer befindet, ist mit einem solchen Dach versehen. Und mit einer weiteren von Hamms simplen aber pfiffigen Ideen: Kleine Spiegel erlauben es den Sportlern, schnell zu überprüfen, ob ihr Gesicht während des Wettkampfs allzu weiß von dem am Hals aufgetragenen Anti-Rutsch-Pulver geworden ist – denn nicht jeder Athlet freut sich, wenn er frisch gepudert auf dem Bildschirm erscheint. „Die Spiegel sind nur ein Angebot an die Sportler, annehmen muss das niemand“, sagt Hamm.

Dass immer noch die Augen des Kampfrichters über die Gültigkeit eines Versuchs entscheiden und nicht die – eigentlich genauere – Videoaufzeichnung, findet Hamm gut. „Auch wenn die Zuschauer zu Hause oft denken, der Kampfrichter würde beim Weitsprung, Diskus- oder Speerwurf seine Arbeit nicht ordentlich machen. Doch er kann nur so gut urteilen wie das menschliche Sehvermögen gut ist“, sagt Hamm, der selbst seit 25 Jahren als Kampfrichter arbeitet. Für ihn ist klar: Der Sport ist von und für Menschen gemacht, daher darf er nicht komplett technisiert werden.

Dennoch wird nun in Berlin eine Technologie in ihrer Endphase getestet, die vielleicht bald zwei Kampfrichter beim Weitsprung überflüssig machen wird: Die Videoweitenmessung, von oben aus den Stadionrängen vorgenommen, soll schnellere Messergebnisse bringen – und verhindern, dass die zwei menschlichen Weitenmesser den Kameras und Zuschauern die Sicht versperren. Die profitieren beim Weitsprung aber auch schon jetzt von Hamms Erfindungsgeist: Er hat das Messlineal an der Sprunggrube weiter oben angebracht, so dass die Zuschauer die Weite eines Sprungs schneller und besser peilen können. Auch die roten und gelben Bälle an den Startblöcken, die beim Sprint die Fehlstarts anzeigen, hat Hamm eingeführt. Vorher wurden kleine Tafeln benutzt, die aber nur von vorne sichtbar waren. Und er hat auch an die Athleten gedacht, zum Beispiel beim Hochsprung: Hier werden neue höhenverstellbare Ständer benutzt, sodass die Latte immer „ganz oben“ liegt und jeder Sprung spektakulär wirkt.

Für Hamm, der in den letzten Wochen meist einen 18-Stunden-Tag hatte, geht die Zeit der Verbesserungen weiter: Ab übermorgen, dem ersten Wettkampftag, wenn er im Rang über der Ziellinie sitzt und noch letzte Details optimieren muss. Vorausgesetzt, bei der heutigen Generalprobe, einem Länderkampf zwischen Deutschland, Polen sowie Österreich und der Schweiz für unter 23-jährige Athleten, läuft alles glatt im Olympiastadion.

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