Sport : Leinen los

Frankreichs Mannschaft ist alt und wirkt müde – der junge Frank Ribéry soll das Spiel des früheren Weltmeisters auffrischen

Christian Tretbar[Stuttgart]

Frank Ribérys Haltung erinnert eher an ein wildes Pferd als an einen Fußballer, wenn er an der Seitenlinie mit den Füßen scharrt und seiner Einwechslung entgegenfiebert. Dreimal war das in den Testspielen der französischen Nationalmannschaft gegen Mexiko (1:0), Dänemark (2:0) und China (3:1) in den vergangenen Wochen vor der WM der Fall. Auch Starstürmer Thierry Henry ist die nur schwer zu zügelnde Ungeduld seines neuen Kollegen nicht entgangen. Bei dessen erster Einwechslung rief er Ribéry zu: „Vergiss nicht, die Leine loszumachen.“ Auch beim ersten öffentlichen Training der Franzosen in Hameln stürmte Ribéry als Erster auf den Platz. Es ist dieser Drang des 23-Jährigen, der den Franzosen den Glauben an ihre vermeintlich überalterte Mannschaft zurückgegeben hat.

Ribéry ist die Hoffnung Frankreichs bei einer WM der großen Ungewissheit. Auf erst 54 Minuten Nationalelferfahrung hat es der Offensivspieler von Olympique Marseille gebracht, trotzdem wollen laut einer Umfrage fast 70 Prozent der Franzosen den Neuling heute in der Anfangsformation gegen die Schweiz in Stuttgart (18 Uhr) sehen.

Vielleicht kann Ribéry wirklich die Rettung für das französische Team sein. Das verfügt zwar über begabte Spieler wie Henry, David Trezeguet, Zinédine Zidane, Patrick Vieira und auch eine starke Defensive. Andererseits ist die Mannschaft mit 29 Jahren im Schnitt schon recht alt. Im Kern ist es immer noch dasselbe Team, das 1998 Weltmeister und 2000 Europameister wurde – und bei der WM 2002 punkt- und torlos ausschied.

Mit seinem schnellen Antritt, seinem Drang zum Tor und seinem Spielwitz bereitete Ribéry den Abwehrreihen der Gegner zuletzt große Probleme. Raymond Domenech will ihn dennoch zunächst zugunsten der arrivierten Spieler auf die Bank setzen. „Diese Generation ist immer noch sehr gut, und sie spielt jetzt ihren fünften und entscheidenden Satz“, sagt der Nationaltrainer. Ob sie den gewinnt, hängt auch von Zidane ab. Domenech hält auch nach zuletzt durchwachsenen Leistungen zu ihm, weil die Mannschaft ohne ihn kopf- und ideenlos spielte. Zidane setzt immer noch die Akzente – aber er ist langsamer geworden. Er wirkt müde und kann ein Spiel nicht mehr über 90 Minuten allein lenken. Deshalb hat er selbst immer wieder Unterstützung für sich gefordert.

Bisher spielte Zidane allein hinter zwei Spitzen. Vielleicht aber ändert Domenech dieses System, auch weil Henry und Trezeguet im Sturm nicht harmonieren und Vieira seiner Form hinterherläuft. Gegen die Schweiz könnte Henry alleine stürmen – mit drei offensiven Leuten hinter ihm. Einer davon wäre Ribéry, der Zidane als sein Vorbild bezeichnet, aber das ganze Gegenteil von ihm ist. Er ist ein Kämpfer und Arbeiter. Eine Narbe, die von einem Autounfall als Baby stammt, läuft quer über sein Gesicht. Seine Zähne sind schief, das rechte Auge ist größer als sein linkes. Aber er ist ein beliebter Mann aus dem Volk und in der Lage, den Weg für den Meister frei zu räumen. Domenech muss dafür nur die Leine loslassen.

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