Sport : Letzter mit Macht

Wenn es in der Formel 1 die schwachen Teams nicht gäbe, hätten die Rennkonzerne ein Finanzproblem

Frank Bachner

Hockenheim. Josef Weschenfelder hat den Satz mit viel Liebe an seinem Zelt befestigt, und er möchte ihn auch als trotzige Botschaft verstanden wissen. „MINARDI SEI DANK", steht auf einem Plastikschild groß an seinem Verkaufszelt, nur 200 Meter vom Hockenheimring entfernt. Josef Weschenfelder, Ende vierzig, Drei-Tage-Bart, findet es „einfach klasse, wie sich Minardi mit so wenig Geld in der Formel 1 halten kann". Es ist der Außenseiter-Effekt. Wer hinterherfährt, wird auf rührende Weise geliebt. Weschenfelder verkauft Modellautos an seinem Stand, er verkauft meist Ferrari, auch die BMW-Williams und die McLaren-Mercedes gehen weg. Die Minardi blieben liegen. Verkauft hat er bis Freitagabend immerhin drei.

Wer will schon einen Minardi? Minardi ist ein Niemand in der Formel 1. Ständig kurz vor der Pleite, noch nie ein Grand-Prix-Sieg, die letzte Pole Position vor vielen Jahren, in der WM-Team-Wertung 2003 mit null Punkten Letzter. Dass Minardi-Pilot Jos Verstappen nach dem ersten Training beim Großen Preis von Frankreich auf Platz eins stand, war mehr Zufall. Der Holländer hatte von einem Witterungsumschwung profitiert. Im Juni war Minardi quasi pleite. Formel-1-Boss Bernie Ecclestone überwies auf die Schnelle vier Millionen Dollar, deshalb kann Minardi jetzt auch beim Großen Preis von Deutschland in Hockenheim starten (Sonntag, 14 Uhr, live in RTL und Premiere).

Und die Großen der Szene, Ferrari, McLaren-Mercedes oder BMW-Williams, würden, wenn notwendig, aus Dankbarkeit über die Minardi-Anwesenheit sofort Kerzen in der Kirche anzünden. Außenseiter wie Minardi, der ebenso klamme Jordan-Stall oder auch Sauber, diese Rennteams, die keinen Autokonzern als Mutterunternehmen haben, die besetzen eine enorm wichtige Rolle in der Formel 1. Sie bewahren die übermächtige Konkurrenz vor Millionenausgaben und die Formel-1-Funktionäre vor einem ziemlichen Streit. Wäre Minardi wirklich Pleite gegangen und der ebenso klamme Jordan gleich mit (im Mai musste Mercedes dem Team helfen), dann hätten einige der Konzernteams der Formel 1 die Lücken im Feld füllen müssen. Mit jeweils einem dritten Fahrzeug, so sieht es das Concorde-Agreement vor, in dem die Formel-1-Geschäfte geregelt sind. Kleiner als jetzt, 20 Boliden, darf das Feld nicht werden.

Nur: Ein drittes Fahrzeug kostet ein Werksteam zusätzlich rund 15 Millionen Dollar. Pro Fahrzeug müssen ein Renningenieur, ein Aerodynamik-Experte, mehrere weitere Ingenieure, diverse Mechaniker sowie ein Fahrer bereitgestellt werden. Außerdem müssen mehr Hotelzimmer gebucht werden, und ein zusätzlicher Truck wird gebraucht. Zudem müsste ein Team ein weiteres komplettes Rennauto an die Strecke bringen. Und natürlich müsste mehr getestet werden. Ein Testkilometer kostet rund 10 000 Dollar. Für McLaren-Mercedes, bei dem wegen der fast endlosen Tests mit dem neuen Auto sowieso mehr Personal als geplant gebunden ist, bedeutete Minardis Ausfall deshalb ein Riesenproblem. Und ohne die Nobodys der Szene würden plötzlich Werksautos auf den letzten Plätzen stehen. Für die betreffenden Konzerne, die über die Formel 1 den Absatz ihrer Straßenautos steigern wollen, wäre der Imageverlust enorm.

Für TV-Verantwortliche dagegen wäre es eine Horrorvision, wenn plötzlich drei Fahrer des gleichen Teams auf dem Siegespodest stünden. Spannung, Dramatik, Duelle? Wo denn bitte? Die Quoten würden noch stärker als bisher sinken.

Und wer müsste ein drittes Auto bereitstellen bei einer Pleite von Minardi oder Jordan? Sieben Werksteams gibt es in der Formel 1. Zwei würde es treffen. Klar geregelt ist das Ganze offenbar nicht, auf jeden Fall würde es zu einer wüsten Streiterei kommen. Aber Minardi hat ja trotz alledem noch einen gewissen Marktwert. Zumindest in Monaco. Da sah Weschenfelder im Juni am Rande des Rennens, dass ein Original-Minardi-Rennoverall für 700 Dollar angeboten wurde. Der Overall gehörte einem Mechaniker.

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