Sport : Leverkusen - Bremen: Klippenspringer

Stefan Hermanns

Am Ende des Abends schien Reiner Calmund, der Manager von Bayer 04 Leverkusen, noch einmal alles geben zu wollen. Er war von Journalisten umzingelt, und auf seiner lichten Stirn leuchteten bereits feine Schweißtropfen. Calmund tat, was er am liebsten tut: reden bis zur körperlichen Erschöpfung. Wer bisher geglaubt hatte, sein Redefluss stehe in umgekehrt proportionalem Verhältnis zum Spielfluss der Bayer-Mannschaft, sah sich nun nachhaltig getäuscht. Diesmal gab es nichts, was der wortgewaltige Manager hätte schön reden müssen. Im Gegenteil: Nach drei Niederlagen in Folge hatte Bayer gerade 3:0 gegen Werder Bremen gewonnen, die beste Mannschaft des Jahres 2001 besiegt. Wer Calmunds Redeschwall hörte, mochte das kaum für möglich halten.

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"Ich will die Spieler nicht besonders loben", sagte Bayers Manager. "Sie haben gekämpft. Das ist ja sensationell." Eigentlich müssten die Profis sogar ihre Siegprämie spenden. Nicht weil sie gegen Bremen schlecht gespielt hätten. Aber zuvor gegen Cottbus oder in Rostock und teilweise auch vor einer Woche bei 1860 München. "Du kriegst eine Riesenwut, wenn du an Cottbus denkst", sagte Calmund. An jenes 1:3 in der Bayarena gegen den auswärts sieglosen Aufsteiger und an all die verpassten Gelegenheiten, an der ebenfalls schwächelnden Konkurrenz vorbeizuziehen. "Die müssen doch wirklich bescheuert sein", schimpfte Calmund auf Bayers Spieler.

Es ist schon seltsam. "Dir liegen die Nerven blank", sagte Bayers Manager, "du hast klitschnasse Hände, stehst an der Felsklippe." Mit anderen Worten: Jeder erwartet ein grausames Gegurke und Gekrampfe, und dann siegt Bayer durch Tore von Lucio (12.), Neuville (54.) und Brdaric (63.) mit einer unglaublichen Überlegenheit gegen einen Gegner, der seinerseits vor lauter Selbstbewusstsein über den Platz schweben müsste. "Ein 5:0, 6:0 wäre gerecht gewesen", sagte Bayers Trainer Berti Vogts. Ein 9:0 wäre möglich gewesen, weil allein Oliver Neuville noch vier beste Torgelegenheiten ausgelassen hatte.

Berti Vogts, der während der Woche den Großteil der Kritik abbekommen hatte, sagte, er habe "eine sehr, sehr gut funktionierende Mannschaft und tolle Spieler, die den Druck einfach zur Seite gelegt haben". So einfach ist das. Fragt sich nur, warum sie das nicht vorher schon getan haben. Es hätte Vogts und seinem Arbeitgeber jede Menge Ärger erspart. Doch anders als Reiner Calmund, der offensichtlich auch das Gedächtnis eines Elefanten besitzt, wollte der verantwortliche Trainer gar nicht mehr darüber nachdenken, was zuletzt falsch gelaufen war und aus welchen Gründen. "Wir werden nicht mehr zurückblicken", sagte Vogts. Mittelfeldspieler Carsten Ramelow, der Bayers Entschlossenheit als Mannschaftskapitän am eindrucksvollsten verkörpert hatte, fand es immerhin "traurig, dass es erst so weit kommen musste".

So weit, dass das Thema Titelgewinn in Leverkusen zeitweise auf der schwarzen Liste stand. "Wenn du nach drei Niederlagen von der Meisterschaft sprichst", sagte Reiner Calmund, "da sperren sie dich doch ein." Jetzt ist die Chance, Meister zu werden, wieder da, und solange sie besteht, "werde ich dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren", sagte Carsten Ramelow. "Aber wir müssen wissen, dass das kein Selbstläufer wird."

Genau das scheint manchmal Bayers Problem zu sein. Calmund erinnerte an die Situation nach dem 4:1 gegen den 1. FC Köln, dem letzten Sieg vor der Leverkusener Zwischenkrise: "Da wird alles rosarot gemalt, und dann können die Jungs vor Stolz nicht mehr laufen und fangen an La Paloma zu spielen." Mit einer solchen Einstellung reicht es nicht einmal gegen vermeintliche Abstiegskandidaten wie Rostock oder Cottbus. "Und wenn du sagst: Wir unterschätzen die nicht, dann hast du sie schon unterschätzt", sagte Calmund. Zumindest bei den nächsten beiden Spielen besteht diese Gefahr nicht. Bayers Gegner heißen Borussia Dortmund und Schalke 04.

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