Sport : „Löw ist der Fahnenträger“

Der Managementforscher Wolfgang Jenewein über die Revolution beim DFB, die Unterschiede zwischen Klinsmann und Löw und Italiens Problem mit dem Energiehaushalt



Herr Jenewein, Sie haben den DFB beraten und das sogenannte Change Management in der Ära Klinsmann beschrieben. Ist Jürgen Klinsmann ein verkappter Wirtschaftswissenschaftler oder hat er alles aus dem Bauch heraus richtig gemacht?



Er selbst ist ein Bauchmensch, doch er hatte ständige Berater aus dem akademischen Bereich, die die wissenschaftliche Komponente in seine Arbeit hineingebracht haben.

Wenn Klinsmann der Revolutionär war, der den DFB umgekrempelt hat, was ist dann Joachim Löw?

Löw führt das fort, was Klinsmann begonnen hat. Er war ja fast von Anfang an bei der Entwicklung dabei, jetzt ist er eben der Fahnenträger der Revolution.

Hatte der Wandel nicht auch eine Menge mit Klinsmanns Persönlichkeit zu tun? Und sei es mit der Fähigkeit, über Leichen zu gehen. Löw wirkt ja doch sehr viel softer …

Löw hat ein gutes Gespür für Menschen und kann sehr gut zuhören. Er ist sicher ein wenig diplomatischer als Klinsmann, aber er ist kein Fähnchen im Wind. Und das ist wichtig, weil auch die Spieler spüren müssen: Da ist jemand, der weiß, was er will, und der seine Linie konsequent durchziehen wird.

Ist Klinsmann oder Löw der bessere Change Manager?

Die Reihenfolge, in der sie ins Amt gekommen sind, ist schon die richtige. Am Anfang eines solchen Prozesses braucht es immer jemanden, der nicht konsens- oder harmoniebedürftig ist, um die Leute wachzurütteln. Man nennt das paradox intervenieren.

Wie bitte?

Paradox intervenieren. Dinge tun, die die Leute nicht erwarten. Klinsmann hat manche altgedienten Funktionäre beim DFB vor den Kopf gestoßen. Das traut sich nur jemand, der nichts und niemandem Rechenschaft schuldig ist und nicht viel zu verlieren hat.

Weil er jederzeit an seinen kalifornischen Strand zurückkehren kann?

Genau. Er hatte in Kalifornien seinen funktionierenden Mikrokosmos, war finanziell unabhängig und konnte sein Projekt unbelastet beginnen. Darüber hinaus ist natürlich wichtig, dass die Einsicht in die unbedingte Notwendigkeit eines radikalen Wandels vorhanden ist. Nach der EM 2004 war das allen in Deutschland klar. Eine ähnliche Situation findet Ottmar Hitzfeld jetzt als Nationaltrainer der Schweiz vor.

Im mantrahaften Beschwören ihrer Visionen und Ideale kommt einem die Nationalelf heute manchmal wie eine Sekte vor …

Aus meiner Forschung kann ich bestätigen: Die stärksten Unternehmen sind die, in denen die Mitarbeiter die gleichen Werte teilen und der Zusammenhalt gegenüber der Außenwelt überdurchschnittlich groß ist. Das funktioniert aber nur, wenn die Führungskräfte über eine starke nachvollziehbare Vision die Mitarbeiter inspirieren, Freiräume gewähren und die Mitarbeiter in ihrer Entwicklung unterstützen. Der Begriff Sekte ist negativ besetzt, aber Hochleistung kann es nur dort geben, wo Menschen über den gleichen Wertekanon verfügen. Das Heikle an dem System ist, dass Leute, die nicht hineinpassen, sehr schnell außen vor sind.

Ein Beispiel?

Bezogen auf 2006 Christian Wörns, der an einem Punkt in seiner Karriere angekommen war, an dem er für diese Werte möglicherweise nicht mehr empfänglich war. Vielleicht war auch Kevin Kuranyi vor zwei Jahren von seinem Wertesystem noch nicht mit dem Team kompatibel. Heute sieht das meiner Meinung nach anders aus, er hat in dieser Hinsicht eine positive Entwicklung gemacht.

Waren Sie überrascht, dass Klinsmann seine Reform nach zwei Jahren sich selbst überlassen hat?

Nein, er ist halt ein projektorientierter Typ. Das erkennt man auch an seinen vielen Stationen als Spieler. Wenn ein Projekt abgeschlossen ist, sucht er sich eine neue Herausforderung.

So wird es also auch bei Bayern München sein? Die Institution des deutschen Fußballs modernisieren und weiter geht’s?

Meine Prognose wäre, dass er in fünf Jahren dort nicht mehr Trainer ist. Gut, das ist jetzt keine besonders ambitionierte Voraussage in unserer schnelllebigen Zeit. Also: Ich würde glauben, dass er schon in drei Jahren kein Bayern-Trainer mehr ist.

Steht Klinsmann bei den Bayern nicht eine wesentlich schwerere Aufgabe bevor, weil es bei einer Vereinsmannschaft viel zu viel Alltag gibt, um die Begeisterung dauerhaft hoch zu halten? Oder wie läuft das, wenn man an einem trüben Novembertag nach Cottbus oder Bielefeld muss?

Mein Schwager ist Horst Heldt, der Manager vom VfB Stuttgart. Mit dem streite ich oft über dieses Thema, und er sagt: „Man kann einen Verein nicht führen wie die Nationalmannschaft.“ Damit hat er sicher recht, es gibt aber trotzdem Parallelen, und ich vermute mal, genau das ist die Herausforderung, die Klinsmann bei Bayern München sucht.

Wenn Sie auf die aktuelle Europameisterschaft blicken: Gibt es andere Teams, die ein Change Management nötig hätten?

Etliche. Etwa das System Rehhagel, das mit starren Rollen und klaren Vorgaben arbeitet. So etwas funktioniert meiner Erfahrung nach allenfalls kurzfristig. Langfristig wird man damit nie Hochleistung wecken können, weil den Spielern die Problemlösungskompetenz fehlt.

Dürfen wir noch die Italiener ins Spiel bringen?

Italien hat vor allem ein Problem mit seinem Energiemanagement. Wenn man Weltmeister wird und damit das Höchste erreicht, was es im Fußball gibt, ist es schwer, sich zwei Jahre später mit ähnlichem Personal wieder entsprechend zu motivieren.

Was kann man da machen?

Es empfiehlt sich ein personeller Schnitt. Es gibt nur wenige Beispiele von Teams, die ihren Erfolg zwei Jahre später bestätigen konnten.

Das Gespräch führte Jens Kirschneck.

0 Kommentare

Neuester Kommentar