Lucien Favre : Der Muntermacher

Zum Trainingsauftakt lobt Herthas Trainer Favre den Rasen und wundert sich übers Personal.

Sven Goldmann
Der Muntermacher Foto: ddp
Erste Erklärungsversuche: Lucien Favre zeigt, wo's langgeht bei Hertha BSC. -Foto: ddp

BerlinNa, dann wollen wir es dem Trainer mal zeigen. Trainingsspiel, kurz nach halb fünf. Kevin-Prince Boateng steht an der linken Außenlinie, direkt vor seinem neuen Trainer Lucien Favre. Mit dem rechten Fuß stoppt er den Ball, schwenkt ein paar Mal die Hüften, wahrscheinlich will er einen imaginären Gegner verwirren. Dann tritt er auf den Ball, dreht sich einmal um die Achse und schlägt einen Pass weit hinüber auf die andere Seite. Perfekter Flügelwechsel, nur leider steht da drüben niemand. Der Ball fliegt ins Aus, und Lucien Favre bekommt gleich am ersten Trainingstag einen Eindruck von dem, was ihn beim Bundesligisten Hertha BSC erwartet. Talentierte Spieler mit großem Selbstbewusstsein, aber leichten Problemen bei der Umsetzung der von ihnen beherrschen Fußball-Kunst.

Boateng ist 20 Jahre alt, im vergangenen Jahr hat er nach ein paar passablen Spielen angemahnt, wenn ihn der Bundestrainer jetzt nicht in die Nationalmannschaft berufe, werde er eben für Ghana spielen. Jetzt, nach dem eleganten Pass ins Nirvana, senkt er den Kopf und schleicht davon. Himmel, was soll der Trainer bloß sagen?

Der Trainer sagt gar nichts. Lucien Favre beißt auf die Lippen und dreht sich um, wahrscheinlich sucht er Harry, aber Harry ist nicht da (was nicht daran liegt, dass er gerade den Wagen holt). Harald Gämperle war Favres Kotrainer und wichtigster Ansprechpartner zu erfolgreichen Zeiten beim FC Zürich. Der Schweizer Meister mag ihn nicht aus seinem Vertrag entlassen, offensichtlich ein boshafter Tritt gegen Favres Schienbein, denn was hilft den Zürichern schon ein unwilliger Kotrainer? Hertha bemüht sich, aber weil im Dialog mit Zürich Funkstille herrscht, muss Favre erst einmal ohne Assistent auskommen. Das geht am Montag so weit, dass der Cheftrainer die Leibchen austeilt und die Hütchen aufstellt. Lucien Favre trägt es mit Fassung. Seine diplomatisch-vielsagende Einschätzung zum ersten Trainingstag: „Es war phantastisch, auf diesem großartigen Rasenplatz zu spielen.“ In dieser Saison gehe es vor allem darum, aus guten Einzelspielern eine Mannschaft zu machen. Damit wird er genug zu tun haben.

100 Minuten lang lässt Favre die Berliner Profis über den Rasen des Amateurstadions am Olympiastadion traben. Die Tribüne ist voll von neugierigen Fans, die sich anschauen wollen, was der geheimnisvolle Schweizer zu bieten hat. Beim Auflaufen lässt er den altgedienten Berliner Profis Pal Dardai, Andreas Schmidt und Arne Friedrich höflich den Vortritt. Dann kommt er selbst und mit ihm der Applaus. Das Volk mag ihn, Favre winkt freundlich zurück, und auch die obligatorische Umarmung durch Herthinho erträgt er mit höflichem Lächeln. Das Hertha-Maskottchen darf auch bei der ersten Besprechung am Mittelkreis dabeistehen, dann trollt es sich auf die Tribüne.

Auch Dieter Hoeneß sitzt zwischen den geschätzt 800 Fans. Herthas Manager hat dem Trainer drei neue Spieler versprochen, „wahrscheinlich werde ich noch eine Reise nach Südamerika antreten“. Auch mit den Boatengs hat er noch ein Wörtchen zu reden, vor allem mit Kevins jüngerem Bruder Jerome, der so gern zum Hamburger SV wechseln würde, weil er dort angeblich 800 000 Euro im Jahr verdienen kann. Sein Vertrag in Berlin aber läuft noch bis 2008, und Hertha mag ihn nicht freigeben, allenfalls in die zweite Mannschaft abschieben. „Wir werden uns Jeromes Trainingsleistungen anschauen und dann entscheiden, in welcher Mannschaft er demnächst trainieren und spielen wird“, sagt Hoeneß.

Als ehemaliger Stürmer wird der Manager beim ersten Trainingsspiel ein wenig gelitten haben. In zwanzig Minuten fällt kein einziges Tor, was doch ein wenig an die vor ein paar Wochen so unerfreulich abgelaufene Saison erinnertt. Lucien Favre, ehedem ein technisch begabter Spielmacher, steht an der Seitenlinie, die linke Hand in die Hüfte gestemmt, die rechte als Sonnenschutz an die Stirn gelegt. Er gestikuliert und ruft und brüllt, „Bewegung, Bewegung!“, immer wieder, die Sprache ist für den Franko-Schweizer keine Barriere. Nur um kurz nach halb fünf, als Kevin-Prince Boateng zaubern will und doch nicht kann, da fällt auch Lucien Favre nichts mehr ein. Wo ist Harry?

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