Sport : Luis Figo

Wie der Portugiese die Auftaktniederlage erlebte

Stefan Hermanns

Es sind noch sechsundvierzig Minuten und neun Sekunden bis zum Beginn der Fußball-Europameisterschaft, als den Zuschauern im Stadion Dragao zum ersten Mal die Hoffnung erscheint. Die Hoffnung kommt als Erster zum Warmmachen auf den Platz. Sie ist 31 Jahre alt, trägt den Namen Luis Filipe Madeira Caeiro, nennt sich Figo und gilt als einer der besten Fußballer der Welt. In den vergangenen sieben Jahren hat er mit seinen Vereinen Barcelona und Real Madrid 13 Titel gewonnen, mit der portugiesischen Nationalmannschaft gewinnt er immer nur den Schönheitspreis.

Die Europameisterschaft im eigenen Land ist die letzte Möglichkeit für Luis Figo, den prominentesten Kopf einer so genannten Goldenen Generation, mit Portugal ein großes Turnier zu gewinnen. Man merkt es.

Gerade mal zehn Sekunden sind gegen die Griechen gespielt, als der Nummer 7 der Portugiesen der Ball vom Fuß springt. Figo grätscht seinem Gegenspieler Karagounis hinterher, trifft dessen Bein und wird zum ersten Mal von Schiedsrichter Collina ermahnt. Luis Figo gilt als kompletter Spieler: Er kann dribbeln und flanken, lange Pässe schlagen, sogar Kopfballduelle gewinnt er –, und er ekelt sich auch nicht davor, Foul zu spielen, wenn es der gemeinsamen Sache dient. „Manchmal sind zerstörerische Aktionen sogar wunderschön“, hat er einmal gesagt.

Luis Figo spielt an der rechten Seitenlinie, irgendwo zwischen Mittelfeld und Sturm, aber er ist für seine Mannschaft alles andere als eine Randfigur. Zumal man Figo ohnehin immer dort findet, wo es das Spiel erfordert: rechts, links, in der Mitte, vorne, hinten. Einmal zieht er mit dem Ball am Fuß von der rechten Seite nach innen, spielt ab in die Mitte, läuft weiter nach links, bekommt den Ball zurück und dringt in den Strafraum ein.

Luis Figo ist schuldlos, dass die Hoffnung eines ganzen Landes nach sechs Minuten mit dem 1:0 der Griechen einen ersten Dämpfer bekommt. Aber Figo ist es, der nach dem Anstoß den Ball nach vorne treibt, zur Grundlinie vorstößt und den ersten Eckball für seine Mannschaft herausholt. 46-mal ist der Mann aus dem rechten Mittelfeld in der ersten Halbzeit am Ball – für einen Offensivspieler ein überragender Wert. Und wenn Figo nicht am Ball ist, hebt er seine Arme und winkt, weil er den Ball haben will.

Der Weltfußballer des Jahres 2001 war sich nie zu schade, so zu spielen, dass andere glänzen konnten. Gegen die Griechen signalisiert er seiner Mannschaft: Ich bin bereit, mich für euch aufzuopfern. Für unseren Erfolg. In der ersten Halbzeit spielt er meistens in der heißen Nachmittagssonne. Vielleicht hat er seine Kräfte überschätzt. Nach der Pause verlieren seine Zuspiele an Präzision, sein doppelter Übersteiger wirkt kraftlos und der Gang durchs Mittelfeld schwerfällig.

Eine Viertelstunde vor Schluss flackert die Hoffnung noch einmal auf. Es gibt Freistoß für Portugal, 18 Meter vor dem Tor, leicht nach links versetzt. Figo schießt mit seinem goldenen rechten Fuß, doch der Ball fliegt weit über die Latte. Den Freistoß hatte er selbst herausgeholt.

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