Sport : Mächtige Enten

Der ehemalige Disney-Klub Anaheim gewinnt die begehrteste Trophäe im Eishockey – eine Würdigung von Pierre Pagé, der den Verein einst trainierte

Anaheim? Das ist Micky Maus und Donald Duck. 1952 begann Walt Disney in der Stadt im kalifornischen Orange County, 60 Kilometer südöstlich von Los Angeles gelegen, sein erstes Disneyland aufzubauen. 40 Jahre später hatte der Konzern ein Team in der National Hockey-League (NHL) etabliert, die Mighty Ducks. Vom Kino auf das Eis: 1992 hatte Disney sein erstes Stück über eine Truppe halbwüchsiger Eishockeyspieler auf die Leinwand gebracht. Der Film war populär, bekam zwei Fortsetzungen. Das reale Team war nicht so erfolgreich, Disney verkaufte es im Januar 2006. Nun gibt es nur noch die Ducks. Und die haben am Mittwoch den Stanley Cup gewonnen, die größte Trophäe, die es im Eishockey für einen Klub gibt. Ein Märchen endet in der Realität.

Von 1997 bis 1998 war ich Trainer der Mighty Ducks. Das Merchandising mit den Trikots mit den Entenschnäbeln boomte, die Halle mit über 17 000 Plätzen war voll, aber im Team stimmte es nicht. Drei Spieler bekamen insgesamt 22,5 Millionen Dollar an Gehalt, da war zu wenig im Budget übrig, um die Breite zu schaffen. Aus meiner Zeit in Anaheim stand in dem Team, das nun das fünfte Finalspiel gegen die Ottawa Senators 6:2 gewann, nur noch einer: Teemu Selänne. Es hätte keinen Besseren treffen können, Teemu ist ein sympathischer Typ. Zum wertvollsten Spieler der Ducks wurde Scott Niedermayer gewählt – auch ein erfahrener Profi. Wobei der Hauptgrund für Anaheims Sieg war, dass das Team jünger als das des Deutschen Christoph Schubert war, der in Ottawa eine gute Saison gespielt hat. Und natürlich hatte Anaheim Jean Sebastien Guiguere, der ja mal kurz bei den Hamburg Freezers war. Gigueres Aufstieg überrascht mich nicht. 1996 hat mich ein Nachwuchstrainer aus Halifax angerufen und mir von der fantastischen Entwicklung des Torhüters erzählt. „Das ist ein Leadertyp“, hat mein Freund gesagt. Im August 1997 haben wir Guiguere dann zu den Calgary Flames geholt, wo ich damals Trainer war. Drei Jahre später aber wurde Al Coates, der General Manager, gefeuert. Sein Nachfolger ließ sein größtes Talent ziehen – nach Anaheim und zu Coates übrigens, der nun für die Ducks arbeitet. Ich habe gesehen, wie sehr er sich am Mittwoch gefreut hat.

Von meinem ersten Arbeitstag in Anaheim an wusste ich, dass dieser große Tag kommen würde. Warum? Weil die Teams aus New York, dem größten Markt in Nordamerika, den Stanley Cup schon oft gewonnen haben. Kalifornien, der zweitgrößte Markt, war irgendwann dran. Und: Orange County ist einmalig. Du kannst dein Pferd vor dem Laden des Gemischtwarenhändlers festbinden, bist in 20 Minuten am Strand. Es regnet nur zwölf Mal im Jahr – gute Vorrausetzungen für einen erfolgreichen Eishockeyklub. Die Gegend ist so attraktiv, dass du wenig Probleme hast, die besten verfügbaren Spieler, die „Free Agents“, zu bekommen. So wie es einst Disney schaffte, die Topagenten der Showbranche, Michael Ovitz und Jeffrey Katzenberg, nach Anaheim zu locken. Im Falle der Mighty Ducks aber hat sich der Konzern wohl verpokert: Henry Samueli, Vorstand des High-Tech-Giganten „Broadcom“, kaufte das Team 2006 für 70 Millionen Dollar. Nun sind die Ducks 157 Millionen Dollar wert, und ihr Preis wird wohl noch steigen, nach dem Triumph im Stanley Cup.

Pierre Pagé, 59, war fast 20 Jahre Trainer und Manager in der NHL. Mit den Eisbären wurde der Kanadier zweimal Deutscher Meister, nun ist er Coach bei Red Bull Salzburg. Übersetzt von Claus Vetter.

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