Sport : Märchen oder Drama

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Der US-Sender NBC sendet 416 Stunden lang aus Turin. Aber die interessantesten Szenen sind in wenigen Stunden übertragen, die Szenen, in denen ein Märchen oder Drama erzählt wird. Die Szenen, in denen Michelle Kwan auftritt. Sie ist nicht bloß eine Eiskunstläuferin, sie ist ein Mythos. Die 25-Jährige ist die Frau, mit der die US-Fans leiden, feiern, bangen. Fünfmal Weltmeisterin, neunmal US-Meisterin, mehr als 50-mal Traumnote 6,0, Olympiazweite 1998, Olympiadritte 2002, so oft als Eisläuferin des Jahres in den USA ausgezeichnet, dass das „Skating Magazine“ die Trophäe nach ihr benannt hat; Millionärin, vom „People’s Magazine“ zu einer der 50 schönsten Frauen der Welt gewählt, die Reichste und Berühmteste, die je im Eiskunstlaufen aufgetaucht ist. Die Tochter chinesischer Einwanderer ist das Symbol des amerikanischen Traums, eine ehrgeizige, disziplinierte Frau ohne Allüren, die Journalisten mit dem Satz begrüßt: „Hi, da bin ich.“

Sie hat vieles gewonnen, nur den Olympiasieg hat sie noch nicht. Das macht den Mythos perfekt. Der Kampf der Michelle Kwan um ihr größtes Ziel, das ist die schönste, spannendste und dramatischste Olympiageschichte. Aber Michelle Kwan ist dem Drama näher als dem Glücksgefühl. Sie hatte Leistenprobleme, musste auf die US-Meisterschaften verzichten, durfte nur mit einer Ausnahmegenehmigung nach Turin und hat kaum Wettkämpfe mit dem neuen Punktesystem bestritten. Und bei diesen wenigen Auftritten war sie schlecht. Die 6,0 ist abgeschafft, jetzt gibt es ein anderes Zählsystem. Jetzt wird jedes Element genau bewertet, der Gesamteindruck verliert an Bedeutung. Genau diese Ausstrahlung war immer die Stärke der Michelle Kwan. Sie sprang nie besonders gut, aber sie strahlte Anmut aus. Aber eigentlich ist es egal, ob sie unter Tränen verliert oder mit strahlendem Lächeln gewinnt. Der Mythos Kwan lebt auf jeden Fall. fmb

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